Zur Geschichte des alten litauischen Buches

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Das alte litauische Buch weist im Vergleich mit den Büchern der Nachbarländer sowohl Ähnlichkeiten als auch wesentliche Unterschiede auf. Die Ähnlichkeiten sind durch die fast gleichen materiellen und geistigen Verhältnisse der nationalen und der ständischen Gemeinschaften dieser Region, die Unterschiede hingegen durch die politischen Zusammenhängen und die religiöse und kulturelle Orientierung bedingt. Auch die unterschiedliche Situation in den von Litauern bewohnten Ländern hat die Schriftkultur und die Buchproduktion stark beeinflußt. Der größere Teil der Litauer lebte im Großfürstentum Litauen (GFL), das durch die Lubliner Union vom Jahre 1569 politisch mit Polen vereinigt war. Das GFL war ein multinationaler und multikonfessioneller Staat, der sich unter dem Einfluß sowohl östlicher als auch westlicher Kultur befand. Das bedeutendste politische, wirtschaftliche und Kulturelle Zentrum des Großfürstentums bildete die Stadt Vilnius, wo die Mehrzahl der Einwohner katholisch war. Der zweite und kleinere Teil Litauer lebte im Herzogtum Preußen, das vom deutschen Orden in Jahre 1525 in den eroberten Gebieten der Westbalten, Pruzzen und Litauer sowie der Polen gegründet wurde. Dieses Land wurde durch die Verbindung seines Adels mit dem Heimatland im Laufe der Zeit in den Bestand deutscher Staaten integriert. Zum wichtigsten Zentrum dieses Landes wurde die protestantische Stadt Königsberg. Beide Länder befanden sich mit ihren Hauptstädten im ständigen Wettkampf um den Einfluß auf die Länder der Ostseeregion. Die langwierige Spannung Zwischen den Nachbarstaaten und Unterschiede im Glauben, selbst wenn sie nicht zu schärferen Auseinandersetzungen geführt hatten, verhinderten die Annäherung der getrennten Volksteile. Diese Atmosphäre wirkte sich auch auf das litauische Buch aus.

Im Großfürstentum Litauen entstand seit dem 13. Jahrhundert eine vielsprachige Schriftkultur. Staatsurkunden und diplomatische Schriften, Annalen und Ritualbücher der verschiedenen Konfessionen wurden in lateinischer, deutscher, altslawischer und polnischer Sprache verfaßt. Tatren, die während der Kriege mit der Goldenen Horde und auch später nach Litauen umgesiedelt wurden ( im 17. Jahrhunderte hatte ihre Zahl etwa 100.000 erreicht) benutzten für den Koran und die als Kitab ( arabisch = Buch) bezeichneten Sammlungen religiöser und weltlicher didaktischer Texte die arabische Schrift. Das Schrifttum des GFL im allgemeinen und das handschriftliche Buch im einzelnen sind ein Spiegel des komplizierten politischen Lebens des Staates und seiner Herrscher, der Notwendigkeit der umfassenden Kodifizierung des Rechts, die Bestrebungen verschiedener Konfessionen, im Lande Fuß zu fassen und zu dominieren, der geistigen und kulturellen Bedürfnisse und des Strebens nach Bildung der vielschichtigen Gesellschaft. Je nach Bestimmung der handschriftlichen Bücher und der Ziele, die ihre Autoren und Auftraggeber sich setzen, entstanden auch Zentren ihrer Herstellung. Dazu gehörten die Kanzlei des Herrschers des GFL und Residenzen der weltlichen und geistlichen Würdenträger des Landes sowie - nach der Einführung des Christentums im 14. Jahrhundert - Kirchen, Klöster und Schulen. Unter den orthodoxen Büchern gab es auch sehr schmuckhafte, die als wahre Meisterwerke der Kunst zu betrachten sind: das Evangelium von Lorischow, das Smolensker Psalter, das Jahrbuch der Familie Radziwill. In diesen Büchern sind Motive der einheimischen Volksornamentik zu entdecken, ihre Miniaturen schildern historische Ereignisse oder Szenen des Alltags. Die Besonderheiten der katholischen Bücher sind schwieriger festzustellen, da ihre Schreiber die Werke weder mit dem Datum der Abschrift noch mit dem eigenen Namen versehen haben. Daher sind solche Bücher nur schwer von denjenigen zu unterscheiden, die im 13.-15. Jahrhundert aus Westeuropa nach Litauen gelangt sind. Viele handschriftliche Breviere, Meß- und Ritualbücher, Evangelien, Antiphonarien, Gradualien, Heiligenwiten und andere religiöse Texte, die das Eigentumszeichen von Klöstern, Kirchen und Adelsfamilien des GFL tragen, sind bis in Unsere Tage erhalten geblieben.

Die Verbreitung von Schriften in litauischer Sprache wurde durch die Christianisierung des GFL im Jahre 1387 gefördert. Vor allem dienten sie Evangelisationszwecken. Die Klosterprediger, Vikare und Lehrer in den Pfarrgemeinden übersetzten entweder die Texte der Evangelien, Katechismen, Gebete, Predigten oder kirchlichen Ritualformeln ins Litauische selbst oder schrieben sie von denjenigen ab, die die Landessprache besser beherrschten. Eine lebendige Quelle des litauischen Schrifttums stellte damals das Franziskaner Kloster in Vilnius dar. Die frühen Handschriften in litauischer Sprache sind jedoch nicht erhalten geblieben. Die ersten aufgezeichneten litauischen Texte stammen von Anfang des 16. Jahrhunderts.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts waren Handschriften nicht mehr ausreichend, um die Bedürfnisse des Fürstenhofes, der kirchlichen Institutionen und Bildungsanstalten, der Geistlichkeit und des Adels im GFL zu befriedigen. schon kurz nach der Erfindung des Buchdruckes wurden gedruckte Bücher aus westeuropäischen Ländern eingeführt. Die wichtigsten Lieferanten waren damals deutsche, französische, holländische, italienische und polnische Drucker. Diese Beziehungen erleichterten den Druck von Büchern auch in GFL selbst. Doch zuerst wurde der Bedarf nicht durch Berufung westeuropäischer Drucker ins GFL gedeckt (wie es z.B. in Schweden der Fall war), sondern dadurch, daß Manuskripte ins Ausland gebracht und dort gedruckt wurden. Auf diese Weise wurde die Agenda sive Exequiale sacramentorum des Vilniusser Kanonikus Martinus, die 1499 in Danzig erschien, zum ersten gedruckten Buch des GFL. Auch später wurde solche Bücher in Danzig, Krakau oder anderen Städten, seit 1522 aber bereits in Vilnius gedruckt.

Es wäre nicht sehr übertrieben, das Großfürstentum Litauen im 16.-18. Jahrhundert ein Bücherland zu nennen. Der Buchdruck wurde besonders durch die ständige Rivalität der konfessionellen und politischen Mächte, durch die Entwicklung von Bildungswesen, Wissenschaft und Kultur und durch aktive Tätigkeit der Vilniusser Universität gefördert. Die katholischen, orthodoxen, evangelisch-reformierten und lutherischen Gemeinden waren die einflußreichsten im Staat. Sie gründeten Druckereien, um somit die materielle Grundlage für die Verwirklichung ihrer Ziele zu schaffen, sie unterstützten Autoren und sorgten für die Finanzierung der Buchproduktion. Mäzene des Buchdrucks waren die Familien Giedroyc, Radziwill, Sapieha, Tyszkiewicz uns andere berühmte Adelsgeschlechter des GFL. Im 18. Jahrhundert wuchs die Bedeutung der Professionellen Buchdrucker. Sie gehörten dem Stand der freien Stadtbürger und Bauern an, aus den die künftige litauischen Bourgeoisie entstand.

Das Wachstum der verlegerischen Tätigkeit förderte die Ausbreitung und Entwicklung der poligraphischen Kapazitäten. Im 16.-17. Jahrhundert waren auf dem Gebiet des GFL insgesamt 36 Druckereien in 19 Ortschaften tätig. Von ihnen gehören 3 heute zu Litauen, 14 zu Weisrussland, je 1 zu Polen und Lettland. Auf dem Gebiet des ethnischen Litauen wurden Bücher in Vilnius, Vievis und Këdainiai gedruckt. In Vilnius befand sich fast die Hälfte (15) der Offizinen des GFL. Die Druckerei von Franziscus Skorina, die spätestens 1523 gegründet wurde, war die älteste in ganz Osteuropa. Dem Alter nach hat Vilnius als Zentrum des Druckwesens Riga, Reval und Moskau weit überholt. Was die Kapazitäten, die Zahl und den Wert der Druckwerke angeht, gab es keine andere Druckerei, die denjenigen der Vilniusser Universität gleichgekommen wäre; hier hatte man alle Zweige des Buchgewerbes unter einem Dach: Verlag, Druck, Binderei und Buchhandel. In den Jahren ihres Bestehens (1576-1805) verlegte die Druckerei der Vilniusser Universität etwa 3300 Bücher, Broschüren und Kalender. Sie bilden den größten Teil aller Druckwerke, die auf dem Gebiet des GFL erschienen sind. Mit der Auflösung des litauisch-polnischen Staates im 18. Jahrhundert nahm die Ausbreitung und die Zahl der Druckereien ab. Diejenigen aber, die geblieben waren, steigerten ihre Produktivität außerdem waren auch neue Zentren des Druckwesens entstanden. 1788 wurde in Grodno die erste judische Druckerei auf dem Gebiet des GFL gegründet. Ihr Besitzer war Baruch Romm. Nach voläufigen Angaben sind ihm GFL im 16. Jahrhundert 500, im 17. Jahrhundert 5000, im 18. Jahrhundert steigerte sich die Buchproduktion weiter, die Gesamtzahl ist bis jetzt aber nicht genau festgestellt.

Bücher in Litauen sind damals in verschiedenen Sprachen verlegt worden, doch waren Latein und Polnisch vorherrschend. An dritter Stelle befinden sich Druckwerke in altslawischer Sprache mit kyrillischer Schrift, an vierter kommt das litauische. Im Auftrag und auf Initiative verschiedener Stellen, zu denen religiöse Gemeinden, die Obrigkeit, wissenschaftliche Einrichtungen und Bildungsanstalten (vor allem die Vilniusser Universität), aber auch auf Gewinn bedachte Verleger zählten, wurden Bücher auch in lettischer, weißrussischer deutscher, französischer, italienischer und griechischer Sprache gedruckt. Die thematische und typologische Vielfalt wurde mit der Zeit immer größer. Sie wurde durch Kartographie, Theaterprogramme und Plakate bereichert. Seit 1605 begann der Vilniusser Drucker Jan Karcan damit, Kalender als selbständige Druckwerke herauszugeben, die bis dahin den meistgebrauchten Druckprodukten, wie Gebetbüchern oder Psaltern, beigelegt worden waren. Zuerst wurden die Kalender nach Konfessionen (katholisch, reformiert, orthodox), im 18. Jahrhundert aber bereits nach ihrer Bestimmung (politische und akademische Kalender, Bauern- oder Frauenkalender usw.) differenziert. Bedeutendste Herausgeber dieser Kalender waren Professoren der Vilniusser Universität wie Jan Poszakowski, Marcin Poczobut und Franciszek Paprocki.

Das Repertoire der Bücher, die im Laufe von drei Jahrhunderten erschienen sind, Umfaßte einen sehr breiten Themenkreis. Dazu gehörte geistliche und weltliche Literatur verschiedenen Gattungen und aller Zweige der Wissenschaft. Besonders bedeutend waren werke von Professoren der Vilniusser Universität, vor allem philologische, naturwissenschaftliche, juristische und geschichtliche Abhandlungen. In Ganz Europa waren die Lehrbücher von Sigismundus Lauxmin Praxis oratoria et praecepta artes rhetoricae (Praxis der Redegewandtheit oder Gesetze der rhetorischen Kunst, 1648) und Ars et Praxis mvsica ( Kunst und Praxis der Musik, 1667), Historiae Litvanae (Litauische Geschichte, 1650-1699) von Albertus Koialowicz-Wiiuk, Statut Wielkiego Xiæstwa Litiewskiego (Statut des Großfürstentum Litauen, 1625), Lyricorum libri... (Lyrische Bücher..., 1625-1697) des Dichters Matthias Sarbievius bekannt. Bücher der Professoren der Vilniusser Akademie wurden auch in anderen europäischen Städten verlegt. In vielen Ländern und vielen Sprachen erschien die Artis magnae artilerie pars prima ( Der erste Teil der großen Kunst der Artillerie, 1650) des Artillerieingenieurs des GFL Casimir Siemienowicz.

Das erste Buch in litauischer Sprache im GFL, das bis in unsere Zeit erhalten geblieben ist, ist 1595 in der Druckerei der Vilniusser Universität erschienen. Es war die Übersetzung des Katechismus des spanischen Jesuitenpaters Jacob Ledesma aus dem Polnischen. Es gibt Belege, daß ein litauisches Buch ( der Katechismus des deutschen Jesuiten Petrus Canisius, 1585) bereits früher gedruckt worden war, doch kein Exemplar dieser Ausgabe hat unsere Tage erreicht. Unter den 204 Büchern in litauischer Sprache, die bis zum Anschluß des GFL an das zaristische Rußland im Jahre 1794 verlegt wurden, waren religiöse Schriften, vorherrschend. Es waren meistens Druckwerke, die in der Glaubenspraxis gebraucht wurden: Gebetbücher, geistliche Liedersammlungen, Katechismen, Postillen und Evangelistarien. Große Verbreitung im Volke fand auch religiöse Erbauungsliteratur, Heiligenviten, Satzungen religiöser Organisationen und Feste. Die Rolle, die diese Druckwerke spielten, ging weit über ihre unmittelbare Bestimmung hinaus. Sie förderten das Interesse, lesen zu können, sie ließen den ständigen Umgang mit dem Buch zur Gewohnheit werden, sie vergrößerten die Zahl der Schreibenden Autoren und Bereiteten somit den Boden für die Literatur weltlichen Inhalts. Die letztere bestand aus philologischen Werken, Lehrbücher der litauischen Sprache und, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, aus den Bekanntmachungen der Regierung an die Bevölkerung des Landes. Am besten bekannt waren im damaligen Europa das Dictionarium trivm lingvarvm (das polnisch-lateinisch-litauische Wörterbuch) von Konstantinas Sirvydas (Constantin Szyrwid), das fünf Auflagen erlebt hat, und die Grammatik der litauischen Sprache die unter dem Titel Universitas lingvarum Litvaniae (Gesamtheit der Sprache [= der Mundarten] Litauens, 1737) erschien und deren Autor bis jetzt nicht festgestellt werden konnte.

Unter anderen Bedingungen verlief die Entwicklung des litauischen Buches in Preußen. Dort begannen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die deutschen Chronisten Simon Grunauund Lukas David, das von Litauern bewohnte Gebiet als Kleinlitauen (Klein Litaw) zu bezeichnen, um es von dem Großfürstentum Litauen besser zu unterscheiden. Dieser Name wird auch heute, vor allem von den litauischen Geschichtsschreibern, noch immer verwendet. Die litauische Bevölkerung von Kleinlitauen befand sich unter starkem Einfluß der protestantischen Kirche und der deutschen Kultur, sie erlebte das Schicksal einer nationalen Minderheit. Bereits im 18. Jahrhundert begann die Kolonisierung und Germanisierung ihres Landes. Dennoch waren hier wie im ganz Preußen die Bedingungen für das Drucken von Büchern eher günstig. Diese Situation wurde durch die Forderung der protestantischen Kirche, die Mitglieder ihrer Gemeinde mit religiöser Literatur in der Muttersprache zu versorgen, die lithuanistische Tätigkeit der Professoren der Universität Königsberg sowie die rasche Entwicklung der Philologie und der Bibliophilie in deutschen Ländern gefördert.

Das alte litauische Buch wurde in Kleinlitauen bis zur Abschaffung der Leibeigenschaft in Preußen im Jahre 1807 verlegt. In dieser Zeit waren 330 Bücher in litauischer Sprache erschienen. Somit hatte Kleinlitauen das Großfürstentum Litauen in dieser Hinsicht überholt. Das wichtigste Zentrum des Buchwesens war Königsberg (litauisch als Karaliauèius bekannt, heute Kaliningrad). Einige litauische Bücher erschienen auch in Gumbinnen (litauisch Gumbinë, heute Gussew) und in Halle, wo es 1727-1740 ein litauisches Seminar an der Universität gegeben hatte. Die Wurzeln des litauischen Buches in Kleinlitauen liegen, wie auch bei den Nachbarvölkern im religiösen Schrifttum. Seine ersten Herausgeber waren gebildete Protestanten des GFL, die wegen Verfolgungen seitens der Katholiken in Kleinlitauen Zuflucht gesucht hatten. Den Anfang machte das für protestantische Pfarrer, Lehrer und andere gebildete Menschen bestimmte Buch des Studenten der Königsberger Universität, Martynas Maþvydas (Martinus Mosvidius), "Catechismvsa prasty szadei, makslas skaitima raschta yr giesmes... (Die einfachen Worte des Katechismus, die Lehre vom Lesen der Schrift und Lieder..., 1547). Diesem Lehrbuch der Glaubensgrundlagen und der Kunst des Lesens ist es von Schicksal bestimmt gewesen als das erste gedruckte Buch in der Muttersprache des gesamten litauischen Volkes zu werden, wobei es dem Umfang des Textes oder Vielfalt seines Inhalts nach die ersten Bücher aller Nachbarvölker weit übertroffen hat. Obwohl die Angaben nur spärlich sind, steht es heute bereits außer Zweifel, daß der Autor ein sehr gebildeter Mann war, der warscheinlich früher an einer Universität in Westeuropa studiert hatte, und daß die Grundlage des Buches nicht nur seine eigenen litauischen Schriften sondern auch diejenigen einiger seinen Zeitgenossen gebildet haben. Einer seiner Kommilitonen war Paul Juusten, der aus Wittenberg nach Königsberg gekommen war und später ein bedeutender Schöpfer finischen Schrifttums und Bischof geworden ist. Die Tatsache, daß das litauische Buch in Kleinlitauen früher als in Großfürstentum Litauen erschienen ist, war durch historische Umstände bedingt. In diesem Lande wurde die Glaubenspraxis in den Nationalsprachen von der protestantischen Kirche gepredigt und der Druck der dazu notwendigen Bücher vom preußischen Fürsten aus der Staatskasse finanziert.

Unter den litauischen Büchern in Kleinlitauen waren Katechismen, geistliche Liedersammlungen, Gebetbüchern, Bibeln und asketische Literatur vorherrschend. Das religiöse Buch trug wesentlich zur Schaffung der litauischen Schprachnorm bei, da die Bibel und Sammlungen geistlicher Lieder zu Volksbüchern geworden waren. Die vollständige Herausgabe der Bibel in litauischer Sprache (1735) war ein deutliches Zeichen der Aufklärung, das den Kulturfortschritt gefördert hat. Das Buch in Kleinlitauen hat die Grundlage für die Entwicklung der landwirtschaftlichen, medizinischen, militärischen und schönen Literatur in litauischer Sprache geschaffen. Manche Bücher solchen Inhalts sind hier früher als entsprechende Publikationen anderer Völker erschienen. Kleinlitauen war auch auf dem Gebiet der Philologie führend. Dort sind zwei Grammatiken der litauischen Sprache von Daniel Klein (1653 und 1654), je eine von Kristupas Sapûnas (1673), Paul Friedrich Ruhig (1747), Gottfried Ostermeyer (1791) und Christian Gottlieb Mielcke (1745), die Untersuchung der litauischen Sporache von Philipp Ruhig (1745), die litauisch-deutschen und deutsch-litauischen Wörterbücher von Friedrich Wilhelm Haack (1730), Philipp Ruhig (1747) und Christian Gottlieb Mielcke (1800) erschienen. Große Bedeutung hatten die ersten Veröffentlichungen der Volkslieder durch Philipp Ruhig, da sie die wissenschaftlichen und kulturellen Kreise anderer Länder auf die Existenz des litauischen Volkes aufmerksam gemacht haben.

Bücher aus dem Großfürstentum Litauen als auch aus Kleinlitauen waren über die Landesgrenzen hinaus verbreitet. Durch Handel und Austausch hatten sie die wichtigsten Zentren des geistigen Lebens in Europa erreicht. Für die Verbreitung litauischer Schriften war der rasche Fortschritt der philologischen Wissenschaft und die bibliophile Entwicklung günstig. Sie haben die Entstehung berühmter Sammlungen litauischer Bücher und die Erforschung der wichtigsten Werke in vielen Staaten Europas gefördert. Bücheraustausch gab es auch zwischen den GFL und Kleinlitauen. Trotz der konfessionellen und politischen Gegensätze wurden die litauischen Druckwerke von den Schöpfern des Schrifttums und bedeutenden Persönlichkeiten des geistigen Lebens in beiden Teilen von Litauen benutzt. Damit trug das Buch auch zur gegenseitigen Annäherung der getrennten Teile der Nation bei.

Seit dem Erscheinen des ersten gedruckten litauischen Buches sind 450 Jahre vergangen. Heute wie damals ist das Buch in unserer Mitte ein Zeugnis der Vergangenheit und des Fortschritts der litauischen Buchproduktion in unserer Zeit und ein wichtiges Mittel im Verkehr mit Nachbarn und der Weltgemeinschaft der Nationen. Dafür fühlen sich die Litauer ihrem Buch zu Danke verpflichtet.

D O M A S   K A U N A S
Professor der Universität Vilnius

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