RAGNIT: DIE STADT VON MARTYNAS MAÞVYDAS

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Dr. Napaleonas Kitkauskas,
Autor des Projekts des K.-Donelaitis-Memorialmuseums in Tominkiemis, Vorsitzender der Arbeitsgruppe für die Verewigung des Andenkens an M. Maþvydas im Staatlichen Festausschuss zur 450-Jahr-Feier des ersten litauischen Buches.

Ragnit (1946 in Neman umbenannt) liegt im Lande des westlichen Baltenvolkes, der Paskalwen, auf dem linken Ufer des Nemunas-Flusses, ca. 10 km östlich von Tilsit. In der Umgebung von Ragnit gibt es Burgberge, die Zeugnis von der vielgestaltigen Vergangenheit dieses Landes ablegen. Auf einem davon stand die alte Burg der Paskalwen. Die Paskalwen sollen sie Rangite genannt haben (die Benennung erfolgte nach dem neben der Burg fließenden gewundenen Bach Rangas - "rangytis" -sich winden).

Laut dem Chronisten des Kreuzritterordens Peter von Duisburg heißt es: "... nach der Eroberung von Nadruviai haben die Ordensbrüder ihre Waffen gegen die Paskalwen gerichtet". Der Angriff des Ordens fand gleichzeitig mit dem unglücklichen Ausgang des preußischen Aufstands im Jahre 1274 statt. Bereits 1275 kam ein "... sembischer Vogt mit vielen Brüdern und Tausenden von Männern, die gut gelehrt wurden die Festungen anzugreifen..." nach Ragnit (Rangites). Die Angreifer haben die Burgmauern erklommen, und das Burgtor wurde durchbrochen; "...viele Verteidiger der Burg wurden getötet, Frauen und Kinder wurden neben anderen Sachen geraubt. Dann haben sie die Burg, die Vorburg und die Nebengebäude verbrannt..." Aus dieser Beschreibung kann man sehen, dass die Burg der Paskalwen stark war. Sie hatte eine Vorburg. Die Paskalwen sollen die Burg bald wieder aufgebaut haben. Die Kreuzritter haben sie 1289, nach hartnäckigem Kampf, wieder erobert und an ihrer Stelle eine neue gebaut, die sie Landshut genannt haben. Doch später begann man, diese Burg in den lateinischen Urkunden Raganitie und in den deutschen Rangnit, Rangnita, Rangnithe, Ragniten u.ä. zu nennen. Die Burg der Paskalwen und die erste Burg des Ordens sollen auf dem Burgberg in einer Entfernung von 2 km südöstlich der heutigen Stadt Ragnit gestanden haben. 

Die Burg Ragnit war für den Orden sehr wichtig wegen seiner sehr günstigen strategischen Lage. Zusammen mit der Georgienburg (heute Majevka), Insterburg (heute Èernjachovsk) und dem Schloss Lotzen bildete die Burg Ragnit die erste Verteidigungslinie des Ordensstaates gegen das Großfürstentum Litauen. Der Orden strebte danach, sich mit Livonien zu vereinigen und hat ständig Schamaiten (Niederlitauen) angegriffen. In der Burg Ragnit waren große Speicher von Waffen Munition und Lebensmittel eingerichtet. 1362 hat das Ordensheer von dieser Burg aus Kaunas angegriffen, und sie gelangten bis Gardin. Die Litauer und die Schamaiten haben auch mehrmals die Burg Ragnit angegriffen und sie 1350 verbrannt. 1355 erbauten die Kreuzritter eine neue gemauerte Burg, die Anfang des 15. Jhs. rekonstruiert und erweitert wurde. Ein Konventsgebäude in der Größe 60 x 60 m wurde gebaut (seine eindrucksvollen Ruinen sind bis heute geblieben). 1402 haben die Litauer und die Schamaiten die Gehöfte der Vorburg, den Trockenplatz für Backsteine und die Werkstatt verbrannt. Die neue Burg war modern, sie entsprach allen Forderungen des Festungsbaues jener Zeit. Der Bau der Burg wurde vom ganzen Ordensstaat finanziert, weil die Komturei Ragnit selbst keine Geldmittel hatte, da sie ständig die Kämpfe mit Litauen führte. Baustoffe wurden aus Marienburg, Königsberg, Danzig und Holland herbefördert. Im Frühling 1408 und 1409 (die Bauarbeiten gingen schon zu Ende) besuchte der Großmagister des Ordens, Ulrich von Jüngingen, der später während der Schlacht bei Tannenberg ums Leben kam, die Burg Ragnit. Man behauptete, dass sie die stärkste Burg in Ostpreußen war. 

Im 19. Jh. wurde ein Gefängnis in der alten Ordensburg eingerichtet, das es bis zum Jahre 1944 gab.

Die Gemeindekirche Ragnit wurde Ende des 15. Jhs. gebaut. Sie war gotisch und hatte den Turm im westlichen Teil. Diese Kirche ist im Stich der Stadt Ragnit aus dem 17. Jh. (Hartknoch Ch. Alt- und neues Preußen oder Preußische Historien.- Königsberg, 1684) dargestellt. In ihren Seitenmauern hatte sie je vier Fenster mit Spitzbogen. Als die Reformationsbewegung begann, fiel sie den Protestanten zu. 1549 wurde Martynas Maþvydas zum Pfarrer dieser Kirche ernannt. Noch vor der Ankunft in Ragnit hatte er das erste litauische Buch, den "Katechismus", in Königsberg herausgegeben, und in Ragnit hat er auch andere litauische Bücher veröffentlicht. Er ist am 21.05.1563 gestorben. Gemäß den Sitten jener Zeit sollte er in der Kirche Ragnit begraben werden.

Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) wurde die alte Kirche Ragnit zusammen mit der Stadt verbrannt. A. Boetticher (A. Boetticher. Die Bau-und Kunstdenkmäler der Provinz Ost-Preußen, Litauen, 1895) und W. Hubatsch (W. Hubatsch. Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, B.2, 1968) behaupten, dass an der Stelle der alten Kirche die neue gebaut wurde. 1855 wurde der Turm zu ihrer westlichen Fassade gebaut. Die Fassaden dieses Turms blieben ungeputzt. Das war typisch in der Mitte und in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. Auf dem Sockel der Turmruinen kann man noch heute das Datum des Baus sehen. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Kirche Ragnit zu einem Möbelspeicher, und die Spitze des Turms wurde beseitigt. In den letzten Jahren wurden hier ein Gebetshaus für Katholiken und Orthodoxe sowie eine Bibliothek gegründet. Die heutige Adresse der ehemaligen Kirche: Oktjabr'skaja 15, Neman, Kaliningradgebiet, Russland.

M. Maþvydas stammt aus Schamaiten (Niederlitauen). Nach seinem Tod arbeiteten noch zwei Priester aus Schamaiten in Ragnit. Sie waren auch Bewahrer des litauischen Schrifttums. Der erste, Augustinas Jomantas (1525— 1576), hat die Bibel ins Litauische übersetzt und einige litauische Gesänge veröffentlicht. Er hat die Bibliothek von M. Maþvydas geerbt. Der zweite war Simonas Vaiðnoras (etwa 1545 bis 1600). Sein wichtiges Werk “Þemèiûgas teologiðkas” erschien nach dem Tode des Autors. A. Jomantas und S. Vaiðnoras wurden ebenfalls in Ragnit begraben.

Mit Ragnit ist die Tätigkeit von Jonas Hartelijus, Johann Gottfried Jordan und anderen Kulturtätigen verbunden. Im Bezirk Ragnit sind Vilius Kalvaitis, Jokûbas Stikliorius, Vilius Bruoþis u.a. geboren. 1882 wurde in Ragnit ein Lehrerseminar gegründet. Das war das zweite Lehrerseminar in Kleinlitauen im 19. Jh. An diesem Seminar lernte auch der berühmte litauische Schriftsteller und Philosoph Vydûnas. Im Seminar von Ragnit wurde bis 1902 in Litauisch unterrichtet.

Eine besonders wichtige Rolle spielte Ragnit für Großlitauen in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. während des Presseverbots. In Ragnit wurden die ersten weltlichen, litauischen, patriotischen Zeitungen gedruckt: im April 1883  “Auðra”, 09.01.1889 “Varpas”. Die erste Nummer der Zeitung “Auðra” haben  Jonas Basanavièius, Jonas Ðliupas und Jurgis Mikðas herausgegeben. “Varpas” wurde von Vincas Kudirka veröffentlicht.

In Ragnit gab es einige Druckereien. Zwei davon besaßen die Litauer Martynas Jankus und Jurgis Mikðas. Deshalb wurden viele litauische Bücher Ende des 19. Jhs. hier gedruckt, die über die gefährlichen Wege der Buchträger in die Dörfer und Städte nach Großlitauen gebracht wurden.

Anlässlich des 450-jährigen Jubiläums wäre es sinnvoll, an der ehemaligen Kirche Ragnit, wo Martynas Maþvydas gearbeitet hatte, eine Gedenktafel sowie auf einem Platz der Stadt ein Denkmal für M. Maþvydas zu bauen. Ebenso lohnt es sich, archäologischen Forschungen durchzuführen, damit man die Umrisse der Mauern der ersten Kirche in Ragnit feststellen kann. Innerhalb dieser Umrisse wäre es mit größerer Wahrscheinlichkeit möglich, das Grab des Autors des ersten litauischen Buches, Martynas Maþvydas, zu finden.

Literatur:

Hartknoch Ch. Alt- und neues Preußen oder Preußische Historien. - Königsberg, 1684.
Boeticher A. Die Bau - und Kunstdenkmäler der Provinz Ost-Preußen, Litauen. - Königsberg, 1895.
Hubatsch W. Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens. B.2. - Gottingen, 1968.
Lebedzs J. Senoji lietuviø literatûra. - Vilnius, 1977.
 

DONELAIÈIO ÞEMË, 1997 01 – 02, Nr. 1 – 2


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