Vanda STONIENË

PRESSEVERBOT

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Das Presseverbot war ein Verbot der Regierung des zaristischen Russlands in Litauen und im europäischen Russland, das litauische Bücher in lateinischen Buchstaben zu drucken und einzuführen umfasste. Das Verbot galt von 1864 bis 1904. Auf der Grundlage der Satzung des Generalgouverneurs der Stadt Vilnius, Michail Murawjow, war es seit dem 17.06.1864 verboten, Fibeln und später alle litauischen Ausgaben in lateinischen Buchstaben zu drucken. Der Generalgouverneur Konstantin Kaufmann, der Murawjow ersetzte, legitimierte mit einer geheimen Rundschrift das Presseverbot und untersagte die Verbreitung aller in Druckereien und inPresseverbreiter J. Zauka.Buchhandlungen vorhandenen Bücher auf. Außerdem verbot er die Einfuhr litauischer Ausgaben aus dem Ausland. Der Innenminister Russlands, Piotr Walujew, hat einen Erlass am 05.10.1865 herausgegeben, womit er den Buchdruck in lateinischen Buchstaben im europäischen Teil des Russland verbot. Am 02.01.1874 wurde verboten, litauische Drucksachen in gotischen Buchstaben aus dem Ausland einzuführen und zu verbreiten. Erst 1880 hat die Akademie der Wissenschaften Russlands die Erlaubnis bekommen, einige wissenschaftliche Schriften in litauischer Sprache in lateinischen Buchstaben zu drucken, aber man durfte sie nicht in Litauen verbreiten. Nach dem Verbot der Herausgabe litauischer Bücher in lateinischen Buchstaben organisierte die Regierung des Zaren die Herausgabe in russischen Buchstaben, genannt "Grashdanka". Im Laufe der ersten Jahrzehnte des Presseverbots wurden 66 litauische Ausgaben in "Grashdanka" veröffentlicht. Das waren Lehrbücher und Bücher der schöngeistigen Literatur. Das litauische Volk hat diese Bücher nicht anerkannt, es hat sie boykottiert, und die Herausgabe dieser Bücher wurde eingestellt. Die Litauer haben sich dem Presseverbot mit legalen und illegalen Maßnahmen widersetzt. Legal wurden kollektive Memoranden, das Presseverbot aufzuheben, und individuelle Gesuche, einzelnen Werke zu veröffentlichen, geschrieben. Die Gesuche an die Zensuranstalten wurden von Buchdruckern, Studenten, Bauern, Priestern und weltlichen Intelligenzlern (Motiejus Valanèius, Laurynas Ivinskis, Petras Vileiðis, Jonas Ðliûpas u.a.) geschrieben. Insgesamt wurden 106 Schriften, Bücher in lateinischen Buchstaben zu veröffentlichen, eingereicht. Nur 24 von ihnen haben die Erlaubnis bekommen, davon 13 in "Grashdanka".  Vileiðis gelang es, in lateinischen Buchstaben 5 Bücher, und Ivinskis, einen Kalender des Jahres 1878 herauszugeben. Die wissenschaftliche Anstalten Russlands haben legal mit lateinischen Buchstaben einige litauische wissenschaftliche Ausgaben (Werke von Kristijonas Donelaitis, Sammlungen der Folklore von Antanas Juðka, Katechismus und Postille von Mikalojus Daukða u.a.) veröffentlicht.

Den größten Widerstand gegen das Presseverbot hat das litauische Volk mit der Organisation der illegalen Herausgabe von Drucksachen im Ausland sowie mit deren Verbreitung in Litauen geleistet. Einer der ersten Organisatoren des illegalen Buchdrucks war Bischof Valanèius. Schon 1867 hat er aus eigenen Mitteln einen speziellen Fonds für die Herausgabe von Büchern gebildet. In Kleinlitauen begann er, die eigenen Werke und die anderer Autoren mit religiösem und weltlichem Inhalt zu drucken. Von Valanèius angeregt, haben sich an der Herausgabe von Büchern die Priester Martynas Sederavièius, Antanas Vytartas sowie der Weltliche Serafimas Kuðeliauskas beteiligt. Ca. 60 Ausgaben hat Vileiðis aus eigenen Mitteln herausgegeben. Die litauischen Bücher in Kleinlitauen wurden von deutschen Buchdruckern (Otto von Mauderode, Julius Reylaender, Julius Schoenke u.a.) herausgegeben, später haben sich die mit der Nationalbewegung verbundenen Gesellschaften, Zeitungsredaktionen und einzelne Herausgeber (Martynas Jankus, Enzys Jagomastas) beteiligt. Während des Presseverbots wurden die für Litauen bestimmten Bücher unter 1830 Titeln herausgegeben. Am Anfang des Presseverbots waren 70% davon religiose Bücher, später mehr weltliche Bücher. Ende des 19. Jhs. machten die weltlichen Bücher 70% der Gesamtzahl aus. Populär waren Gebetbücher, Katechismen, die außer ihrer direkten Bestimmung auch in geheimen Schulen und in den Familien als Lehrbücher dienten. Deshalb hatten sie je 40-50 Ausgaben und die größten Auflagen (20000 - 30000 Stück). Während des Presseverbots wurden ca. 130 wissenschaftliche Bücher, 80 Fibeln, 100 Kalender, 280 Bücher der schöngeistigen Literatur herausgegeben. Während des Presseverbots erschienen in Kleinlitauen die ersten periodischen Ausgaben für Großlitauen "Auðra" (Morgenröte), "Varpas" (Glocke), "Garsas" (Laut), "Þemaièiø ir Lietuvos apþvalga" (Umschau in Litauen und Schamaiten), "Tëvynes sargas" (Wächter des Vaterlands) u.a. Während des Presseverbots wurden insgesamt 15 periodische Ausgaben für Großlitauen herausgegeben.

Das Presseverbot hat für Buchdrucker und Besitzer von Buchhandlungen große Nachteile gebracht. Am Anfang des Presseverbots wurden ca. 90.000 litauische Bücher allein in der Firma von Zawadskiai beschlagnahmt. Den Buchdruckern und Buchhändlern gelang es, vom Zaren zu verlangen, dass das Presseverbot für die vor der Veröffentlichung des Erlasses erschienenen Bücher nicht angewandt wurde. Die Buchdrucker und die Besitzer von Buchhandlungen nutzten die Genehmigung aus, und noch ca. 20 Jahre nach Beginn des Presseverbots handelten sie nicht nur mit diesen, sondern auch mit Kontrafaktbüchern (mit falschen Angaben der Zeit und des Ortes der Herausgabe), die aus Kleinlitauen gebracht wurden. Während des Presseverbots wurden die Menschen Litauens von einzelnen Buchträgern und durch die Gesellschaften der Presseverbreiter mit Drucksachen versorgt. Von der Verbreitung der illegalen Drucksachen in Litauen zeugt die Zahl der durch die zaristische Regierung beschlagnahmten Bücher. Allein 1891-1903 wurden ca. 200.000 Bücher beschlagnahmt. Im Vergleich mit der gesamten Zahl der in diesem Zeitraum erschienenen litauischen Ausgaben machten die beschlagnahmten nur 6-8% aus. Die absolute Mehrheit der für Litauen herausgegebenen Drucksachen gelangte an ihren Adressaten. Das Presseverbot dauerte 40 Jahre. Nach dem langen und ergebnislosen Kampf mit dem litauischen Volk waren die zaristischen Behörden gezwungen, es aufzuheben. Das Presseverbot war ein grober Akt der Okkupation gegen das litauische Volk, seine Wirtschaft, Kultur und Existenz selbst. Der Widerstand gegen das Presseverbot hegte die antizaristischen Stimmungen, förderte den Kampf zur nationalen Befreiung und für die Einigkeit des Volkes.

Fotos:  

  1. Presseverbreiter J. Zauka.
  2. Die Abhandlung über das Presseverbot von V. Merkys

Literatur:
Merkys V. Die Zeiten der Bücherträger. Vilnius., 1994;
Merkys V. Der Weg der verbotenen litauischen Presse, 1864 – 1904. Vilnius, 1994.

Artikel aus:

BÜCHERKUNDE. Enzyklopädisches Wörterbuch.
Lehrstuhl für Bücherkunde der Universität Vilnius


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