Prof. Arnoldas PIROÈKINAS

Warum in Königsberg und nicht in Vilnius?

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Das Jahr 1997 geht zu Ende. Die dem Jahrestag des "Katechismus" von Martynas Maþvydas gewidmeten Veranstaltungen gehen auch zu Ende. Im Laufe dieses Jahres hat unsere Öffentlichkeit viel über das erste litauische Buch erfahren. Doch einige Unklarheiten sind wohl entstanden. Eine davon wäre die Frage, warum das erste litauische Buch in Königsberg, in der Hauptstadt des fremden Staates und nicht in Vilnius herausgegeben wurde. Das ist die wesentliche Frage.

Wenn wir uns weiter umblicken, so stoßen wir auf die Tatsache, dass die ersten Bücher vieler Völker in ihrer Sprache nicht im eigenen Land, sondern irgendwo in der Ferne erschienen. Die ersten lettischen Bücher sind nicht in Riga oder überhaupt in Lettland, sondern in Deutschland und Vilnius gedruckt wurden. Ebenso sind die estnischen Bücher in fremden Ländern entstanden. Das erste armenische Buch wurde in Venedig herausgegeben. Sogar das erste englische Buch hat die Welt  in Brügge (heute Königreich Belgien) erblickt. Es gab verschiedene Ursachen, warum es so passiert.

Wenn wir den Druck des ersten litauischen Buches in Königsberg annehmen, so war eine der Ursachen die, dass die Litauer in jener Zeit im Fürstentum Preußen in nicht geringem Teil die Einwohnerschaft gebildet haben. Falls die Litauer (und zwar ziemlich viele) dort nicht gelebt hätten, so würde kaum jemand sich um die Herausgabe des litauischen Buches in dieser Stadt gekümmert haben. Doch diese Antwort erklärt noch nicht, warum eben Königsberg die Wiege der ersten litauischen Bücher ist. Also muss man andere Faktoren für die Entstehung des Buches suchen.

Dass das erste und einige spätere Bücher in Klein- und nicht in Großlitauen entstanden, ist von einem Komplex von Ursachen bestimmt. Zuallererst veranlasst das in der Gesellschaft entstandene Bedürfnis, Schrift und Buch zu haben, die nationale Schrift und das nationale Schrifttum im Lande zu schaffen. Dieses Bedürfnis hat das sich verbreitende Christentum in vielen Ländern Europas erweckt. Die Litauer haben das Christentum angenommen, als der Katholizismus eine Krise erfahren hatte. Indem er die Bedeutung der lateinischen Sprache im kirchlichen Leben übertrieben anhob und den Nationalsprachen sehr wenig Bedeutung beimaß. Es sollte ihr minimalster Gebrauch genügen. Deswegen haben die Katholiken, bzw. ihre Institutionen, seit der Mitte des 13. Jhs., als König Mindaugas getauft wurde, und besonders seit dem Ende des 14. Jhs., als das Christentum in den aukschtaitischen [hochlitauischen] Ländern eingeführt worden war, bis zur Mitte des 16. Jhs. (genauer bis 1585) kein litauisches Buch, sowohl handschriftliches, als auch später, als der Buchdruck entstand, gedrucktes herausgegeben. Für die katholische Kirche reichte die Übersetzung einiger Gebete und Formeln in die litauische Sprache. So war es sowohl in Groß- als auch in Kleinlitauen, solange der Kreuzritterorden mit den katholischen Bestimmungen regierte.

Alles änderte sich sehr rasch in Kleinlitauen, als es zusammen mit allen Gebieten des Kreuzritterordens zum weltlichen Fürstentum Preußen kam, dessen Herrscher, Albrecht von Brandenburg, der ehemalige Hauptmagister des Ordens die Lehre Martin Luthers angenommen hatte, also zu einem Lutheranen wurde. Luthertum, eine der Richtungen der Reformation, hat überall die Bestimmung verwirklicht, die religiösen Dinge den einfachen Menschen in ihrer Muttersprache zu erläutern und die Liturgie in den Kirchen in den Nationalsprachen auszuführen. Der Herzog Albrecht, wie jeder Neugetaufte, begann diese Bestimmung sehr eifrig in dem von ihm regierten Fürstentum einzuführen. Schon 1526 begann man, die Predigten auf Litauisch zu halten, und seit 1531 begann der regelmäßige litauische Gottesdienst. Die Einführung des litauischen Gottesdienstes verursachte ein Verlangen nach religiösen litauischen Büchern, Liturgien, Katechismen, Gesangbüchern, Übersetzungen des Evangeliums, Sammlungen der Predigten. Doch das alles gab es nicht. Deshalb war es nötig, dass sich jemand der Anfertigung und Herausgabe von Büchern in litauischer Sprache annahm. Außerdem gab es in Mitte des 16. Jhs. noch einen Faktor, der das litauische Buch förderte: ein mächtiger Gönner, der an der Finanzierung und Organisation der Herausgabe litauischer Bücher interessiert war. Dieser Gönner war der Herzog Albrecht.

Das Luthertum verbreitete sich auch in Großlitauen. Doch hier wurde es nicht von dem Fürsten oder von einem mächtigen Adligen Litauens verbreitet, sondern von den nach dem Studium aus dem Ausland zurückgekehrten Intellektuellen. Der Großfürst war gegen die sich verbreitende Ketzerei gestimmt und begann die ersten litauischen Lutheranen zu verfolgen. Diese flohen nach Preußen, um sich zu retten. So kamen in Königsberg Stanislovas Rapolionis und Abraomas Kulvietis sowie andere Litauer an. Der Herzog Albrecht hoffte, sie zur Verbreitung der neuen Religion zu benutzen und nahm sie lieb an und versorgte sie auf verschiedene Weise. Rapolionis und Kulvietis, als hochgelehrte Männer, hat er zu Professoren der Universität Königsberg ernannt, und für jüngere hat er die Bedingungen geschaffen, an dieser Hochschule zu studieren. Als die erwähnten litauischen Gebildeten im Frühling 1545 plötzlich starben, und die Gefahr bestand, dass es niemanden gäbe, der den litauischen Katechismus vorbereiten kann, lud der Herzog Martynas Maþvydas aus Litauen ein. Er wurde der Autor des von uns erwähnten Katechismus. Also man kann sagen, dass in Königsberg, im Unterschied zu Vilnius, die passenden Bedingungen für die litauischen Intellektuellen, den guten Kennern der litauischen Sprache, geschaffen wurden, die es in Vilnius nicht gab. Hier ist die dritte Ursache, warum Königsberg zur Wiege des ersten litauischen Buches wurde.

Mit der Zeit begann die Herausgabe der litauischen Bücher auch in Großlitauen, als sich die katholische Kirche um die litauische religiöse Literatur zu sorgen begann, als der einflussreiche Gönner und Organisator, der Bischof Merkelis Giedraitis, wirkte, als sich dieser Arbeit der eifrige Patriot der litauischen Sprache, Mikalojus Daukða, annahm.

DONELAIÈIO ÞEMË, 11.1997, Nr. 11(54)
ZEITUNG DER LIEBHABER DES LANDES KÖNIGSBERG
Herausgabe von der K.-Donelaitis-Gesellschaft


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