Der Weg des "Katechismus" von M. Maþvydas nach Vilnius

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Am 9. Januar 1997 war es 40 Jahre her, dass Litauen in den Besitz des Originals des Buches von M. Maþvydas kam. Das einzige bis zum 1. Weltkrieg bekannte Exemplar des "Katechismus" war in der Universitätsbibliothek Königsberg vorhanden. Lange Zeit wurde angenommen, dass es während des Krieges verschwunden war, und erst viel später stellte sich heraus, dass es auf unbekanntem Wege in die Universitätsbibliothek Thorn geriet. 

Die Reise des "Katechismus von M. Maþvydas an die Universitätsbibliothek Vilnius begann 1956, als die Bibliothek unter der Leitung von Prof. L. Vladimirovas damit begann, ihre alten Bücher zurückzuholen. L. Vladimirovas besuchte auf der Suche nach den Büchern die Lenin-Bibliothek Moskau, wo ihm die Historikerin alter russischer Bücher und des Bibliothekwesens, Anna Siornowa, sehr viel geholfen hat. Sie hatte gehört, dass es irgendwo an der Ukraine das Buch von M. Maþvydas gibt, doch sie wusste nicht, wo genau es ist. Dann fuhr L. Vladimirovas eigens nach Kiew, doch ihm gelang es nicht, auf die Spuren des "Katechismus" zu kommen. Später erzählte der Professor der Universität Odessa, S. Borovoj, während des Besuchs in der Universitätsbibliothek Vilnius, dass er in einer Bibliothek in Odessa das Buch gesehen hat. Als L. Vladimirovas erfuhr, dass Susanna Feigenbergaitë-Heltzerienë - Lektorin am Pädagogischen Institut Ðiauliai (sie unterrichtete in dieser Zeit Buchgeschichte für Fernstudenten der Universität Vilnius) - nach Odessa fahren wird, bat er sie, diese Angelegenheit zu klären. Ihr gelang es nach den großen Mühen, das Buch von M. Maþvydas in der A.-M.-Gorkij-Staatsbibliothek Odessa zu finden und seinen Zustand ausführlich zu beschreiben. Der war "verhältnismäßig sehr gut: 1) Alle Seiten sind erhalten geblieben und eingebunden wohl mit denselben Faden wie auch im 16. Jh. 2) Es ist mit Pergament-Imitation im 18. oder 19. Jh. neu eingebunden Der Buchdeckel ist verschossen, die innere Seite ist aus rosigem Papier. 3) Auf dem Buchrücken steht: "Catechismus Prasty Szadei".

S. Feigenbergaitë-Heltzerienë hat auch die im Buch enthaltenen Inschriften entziffert, darunter auch solche: "Litovskij (Þmudskij) Katichizis napeèatan v Kenigsberge v 1547 g v celiach propagandy liuteranskogo verouèenija pervaja peèatnaja kniga na litovskom jazyke. Peèatnik Hans Weinreicher rabotal v naè. XVI v. v Vostoènoj Prussii, gde odnovremenno imel 2 tipografii v Dancige i Kionigsberge. redkaja kniga"(Litauischer Katechismus gedruckt in Königsberg 1547 mit dem Ziel der Propaganda der lutherischen Glaubenslehre, das erste gedruckte Buch in der litauischen Sprache. Der Buchdrucker Hans Weinreich arbeitete Anfang des 16. Jhs. in Ostpreußen, wo er  zugleich zwei Druckereien in Danzig und Königsberg besaß. Rares Buch. ).  Ebenso auf dem in den "Katechismus" eingeklebten Zettel war die Inschrift, dass er in Berlin bei Ascher 1868 für 45 Taler verkauft wurde. 

L. Vladimirovas nahm sich vor zu handeln, gemäß seinen Worten: "...schlecht ist der Bibliothekar, der zögert, nachdem er eine solche Sache gefunden hat. Solchen Bibliothekar sollte man beseitigen. Es erwies sich, dass man für das Zurückbekommen eines solchen Buches die Anweisung des Kulturministers braucht.  Mich unterstützte (diesmal wie nie zuvor) Snieèkus (der damalige Erste Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Litauens); er war gut mit dem ersten Sekretär der Ukraine bekannt. Sie waren Freunde und gingen zusammen auf die Jagd. <...> Snieèkus hat ihn angerufen, dass in das Kulturministerium dieser Vladimirovas kommt und dass er ihm einräume, eine interessante Frage wegen des ersten litauischen Buches zu besprechen. Na, dieser hat versprochen. Warum hat Snieèkus hier geholfen und nicht früher, zum Beispiel, als wir danach strebten, den "Katechismus" von Daukða zurückzubekommen? Das ist verständlich. In dieser Zeit konnte er wegen Nationalismus beschuldigt werden. Aus Russland das Buch zurückzugeben und noch irgendwelchen Katechismus, klösterlich, katholisch!.. Und nun sind sie Freunde, und der Ukrainer wird dem Litauer nicht des Nationalismus beschuldigen. Sowohl der eine als auch der andere waren Nationalisten".

L. Vladimirovas hat der Bibliothek Odessa die Dublette des 1570 in Antwerpen herausgegebenen Atlasses von Ostelius "Theatrum Orbis Terrarum" übergeben, aber in Odessa wünschte man, ein altes russisches oder ukrainisches Buch zu bekommen, und die Universitätsbibliothek Vilnius schlug noch vor, das 1588 in der Mamonièiai-Druckerei herausgegebene Statut Litauens zu übergeben, das seinerzeit auch auf der Ukraine gültig war.

Am 4. Oktober 1956 wurde die Erlaubnis vom Direktors der Bibliothek Odessa gegeben, mit dem Hinweis, dass man zuallererst die schon erwähnte Bestätigung des Kulturministers braucht. Am 12. Oktober 1956 wurde das vom Stellvertreter des Rektors der Universität Vilnius, Prof. S. Jankauskas, und vom Direktor der Bibliothek L. Vladimirovas unterschriebene Gesuch versandt. Auch war Prof. Steponas Jankauskas, der damalige Prorektor der Universität Vilnius, einer der aktivsten Unterstützer der Aktion von L. Vladimirovas. Außerdem haben die Professoren  J. Lebedys, J. Palionis und K. Jablonskis moralisch L. Vladimirovas unterstützt. Am wenigsten hat die Leiterin der Abteilung der raren Ausgaben und Handschriften, J. Gutauskienë, an den Erfolg geglaubt. Mit den Worten des Professors: "...dachte, dass wir sicher erwischt werden. Sie hatte Angst... Wir haben allerdings unseren Plan nicht erfüllt, doch man musste es sowieso versuchen. Außerdem, was hatte mich bedroht? Und vielleicht konnte man sie eine Nationalistin nennen, aber mich, mit meinem Familiennamen... und mit dem Parteiausweis der Kommunistischen Partei und Teilnehmer des Krieges, einen litauischen Nationalisten nennen?..."

Am 1. November 1956 hat die vom Stellvertreter des Kulturministers der Ukraine, G. Schablij, am 20. Oktober unterschriebene - Schreiben Nr. 9-604 -  Erlaubnis, den "Katechismus" zu übergeben, Vilnius erreicht. Am 22. November 1956 wurde die Urkunde des Tausches der Bücher ausgefertigt, und an demselben Tag hat L. Vladimirovas den Brief an den Direktor der Bibliothek Odessa geschrieben, dass die beiden für den Tausch bestimmten Bücher schon versandt sind. Doch deren Reise verzögerte sich. Man hatte sogar gefürchtet, dass sie schon verschwunden sind. Davon zeugt das von L. Vladimirovas unterschriebene Telegramm: "Wir regen uns auf + Wir befürchten das Verschwinden + Telegrafieren Sie + Bestätigen Sie den Erhalt des Atlasses von Ortelius und des Statuts Litauens + Teilen Sie den Versand des litauischen Katechismus mit".

Der "Katechismus von M. Maþvydas hat Litauen vielleicht im Januar 1957 erreicht, weil am 9. dieses Monates die Urkunde seiner Übergabe ausgefertigt wurde. In das Inventarbuch wurde das Buch erst am 30. Mai 1957 eingetragen, zusammen mit dem "Katechismus" von M. Daukða, dem Wörterbuch (1642) von K. Sirvydas und mit dem "Preußischen Litauer" von Lepner.

So ist das in Vilnius entworfene, in Königsberg herausgegebene, in Berlin verkaufte, fast hundert Jahre in Odessa aufbewahrte Buch von M. Maþvydas wieder nach Litauen zurückgekehrt.

Bearbeitet nach:
Braziûnienë A.
Kaip Maþvydas gráþo á Vilniø
(Wie Maþvydas nach Vilnius zurückkehrte)
// Literatûra ir menas, 04.01.1997.


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