DAS ERSTE LITAUISCHE BUCH

 

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Der Nemunas-Fluss trennt Litauen
von dem jenseits liegenden Ostpreußen

Abschließende Bemerkungen

Das Land, in dem Mosvidius gelebt hatte, hat bis zum 2.Weltkrieg zu Deutschland gehört und ist Ostpreußen genannt worden. Für die litauische Kultur ist es nicht nur zu Mosvidius' Zeiten von besonderer Bedeutung gewesen. Im 18. Jahrhundert hatte sich hier eine ziemlich breite Kulturtätigkeit der Litauer entfaltet: es wurden Bücher religiosen Inhalts herausgegeben, Folklore gesammelt, Grammatiken und Wörterbücher geschrieben usw. Das Wichtigste aber war, dass hier das Meisterwerk der litauischen Literatur - das lange Poem in Hexametern des reformierten Pfarrers Kristijonas Donelaitis "Die Jahreszeiten" - entstand, wodurch Themen von Hesiod und Delille in den litauischen Kontext eingeführt wurden.

 

 

 

Königsberg nach dem 2. Weltkrieg

 

Im 19. Jahrhundert haben Litauen, nach der Teilung des polnisch-litauischen Staates 1795 unter russische Herrschaft geraten, einige aufeinanderfolgende, sehr ruhmreiche, doch hoffnungslose Aufstände erschüttert. Nach dem Aufstand von 1863, der sich zum Ziel gesetzt hatte, den polnisch-litauischen  Staat wiederaufzubauen, und an dem ziemlich viele Bauern beteiligt gewesen sind, war es den Litauern verboten, Bücher in lateinischen Buchstaben zu drucken (selbstverständlich war es erlaubt, litauische Bücher in kyrillischer Schrift zu publizieren). Litauen hat sich unerwartet entschieden diesem Verbot widersetzt, und dieser Widerstand hat 40 Jahre gedauert: man fing an, Bücher (zuerst meistens religiösen doch später auch weltlichen Inhalts) in Ostpreußen zu drucken, wo die Mehrzahl der Grenzbewohner noch litauisch gewesen ist, um sie dann in das ehemalige Großfürstentum Litauen zu schmuggeln; eine ganze Klasse von freiwilligen Bücherträgern war entstanden, die diese Tätigkeit zum Beruf gewählt hatten und von den russischen Gendarmen verfolgt wurden (etwa 2000 Menschen sind für Schmuggel dieser Art und auch selbst für das lesen der verbotenen Literatur bestraft worden). Dieser Widerstand, der anfangs eher religiösen als patriotischen Charakter trug, hat eine entschiedene Rolle gespielt: die Auflehnung gegen die Russen nimmt immer breitere Ausmaße an, und die Litauer gewöhnen sich an das geschriebene Wort in der Muttersprache, das für sie ausdrücklich in Verbindung mit der lateinischen Schrift steht; bald wird dieser Umstand zum Symbol der Zugehörigkeit der Litauer zu Europa.

Zwanzig Jahre nach dem Beginn dieser Bewegung erscheint 1883 in Tilsit, der ostpreußischen Stadt an der litauischen Grenze, "Auðra" - das erste Periodikum weltlichen und patriotischen Inhalts in litauischer Sprache; bald darauf werden dort auch andere ähnliche Schriften herausgegeben. Faktisch markiert dieses historische Datum den offiziellen Anfang der Wiedergeburt des litauischen Volkes. Somit fängt die nationale und kulturelle Wiedergeburt der Litauer gerade hier an, und dieser Umstand ist ein Zeichen dafür, daß Unterschiede der Konfessionen den Dialog und die gemeinsame Arbeit nicht gehindert hatten. Diese Situation hat in der einen oder anderen Form bis zum 2.Weltkrieg gedauert, bis das ostpreußische Gebiet ein Teil der Sowjetunion geworden war, und die einheimische Bevölkerung, darunter auch die dort ansässigen Litauer, durch russische Zuwanderer fast völlig ausgewechselt wurde.

Der Katechismus von Mosvidius und seine andere Schriften sind ein besonders wichtiges Denkmal der alten litauischen Sprache, deshalb stellen sie ein ständiges Forschungsobjekt der Baltisten dar; diese Texte bieten jedoch Forschungsmaterial auch für Ethnographen oder Religionshistoriker. Leben Mosvidius' und seine aufopferungsvollen Bemühungen, Bücher in litauischer Sprache zu publizieren, sind beliebte Themen der modernen litauischen Literatur geworden. Schließlich sind heute die Gestalt und die Werke Mosvidius' neben den "Jahreszeiten" von Donelaitis zu Denkmälern geworden, welche uns helfen, die Erinnerung an das bereits verschwundene Land Ostpreußen wachzuhalten

 

 

Die restaurierte Kirche von Kristijonas Donelaitis in Tolminkiemis
auf dem Gebiet des ehemaligen Ostpreußens.
Heute gehört dieser Ort zu Rußland und wird Tschistije Prudi genannt

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