
DER KULTURKONTEXT DES ERSTEN LITAUISCHEN BUCHES

Der historische Rahmen
Die Völker, die an der südöstlichen Küste der Ostsee leben, werden Balten genannt, dieses Wort ist jedoch die Erfindung der Sprachforscher des 19. Jahrhunderts. Damit haben die Linguisten eine Familie der indoeuropäischen Sprachen und eine ethnolinguistische Gemeinschaft bezeichnet. Die Westbalten, schon im Mittelalter als Pruzzen bekannt, bewohnten ein Gebiet weiter westlich, das bis zur Weichselmündung gereicht hat. Die Stämme, die an dem Dünna-Fluß lebten, haben später die ethnische Gruppe der Letten gebildet, und der Raum zwischen den Pruzzen und Letten ist das Gebiet der litauischen Stämme gewesen.
Das europäische Spätmittelalter (10.-13. Jh.) stellt die Epoche dar, in der sich der baltische Raum herausbildet, dessen Umrisse im Großen und Ganzen bis in die heutige Zeit dieselben geblieben sind. Archäologische Grabungen lassen die Feststellungen zu, daß hier Prozesse des Fortschrittes im Ackerbau und immer größere Ähnlichkeiten im Getreideanbau zu beobachten sind, woraus man auf ein dichteres Straßennetz sowie einen intensiveren Austausch von Menschen und Waren schließen kann. Gleichzeitig bilden sich hier auch vollkommenere soziale Strukturen heraus, die sich durch die Entstehung von größeren territorialen Einheiten, der “Länder”, und durch weitere Entwicklung der Formen der Feudalherrschaft manifestieren; diese Erscheinungen sind sehr wohl mit denjenigen zu vergleichen, die damals beim Aufstieg Westeuropas aus dem Chaos des Frühmittelalters auch zu beobachten gewesen sind.
Diese Entwicklung wurde jedoch dadurch gestört, daß die germanische Expansion die baltischen Länder erreicht und die Form von Kreuzzügen angenommen hatte. Auf dem heutigen lettischen Gebiet läßt sich 1202 der Schwertbrüderorden nieder, der sich zum Ziel setzt, im Wettstreit mit dem Bischof von Riga und der Hansestadt das ganze Land zu erobern und zu taufen.

Gotische Kirche in Zapyðkis (16.Jh.)
Fast gleichzeitig (1224-1230) erscheint, durch den Herzog von Masovien gerufen, in der Weichsel-Mündung der deutsche Orden, der, aus dem Königreich Jerusalem vertrieben, hier nun in den Kampf gegen die pruzzischen Stämme zieht und das ganze Territorium des heutigen Ostpreußens bis zu dem Nemunas-Fluß (Memel) erobert, das nach dem 2.Weltkrieg von den Russen kolonisiert und nach dem umgetauften Namen der früheren Stadt Königsberg das Kaliningrader Gebiet genannt worden ist. Doch diesen zwei Baltischen Völkern war ein unterschiedliches Schicksal zuteil geworden: Die Schwertbrüder im Norden, inzwischen bereits mit dem Kreuzritterorden vereinigt, hatten sich damit begnügt, die Letten zu taufen, sie einfach zu Fronbauern zu machen, um sich, nach dem Übertritt zum Protestantismus als eine dünne Schicht der Großgrundbesitzer, später die baltischen Barone genannt, hier zu etablieren. Die Pruzzen dagegen, die damals bereits, wie die Berichte über ihre Religion beweisen, ein vollständig ausgebildetes Volk gewesen sind, haben sich lange mit Waffengewalt gewehrt, sind unterjocht und nur allmählich durch Germanisierung und massive Kolonisierung vernichtet worden. Die pruzzische Sprache ist erst um 1700 herum endgültig verschwunden. Den Namen der Pruzzen hat wie zum Hohn das militanteste Volk des Germanenreiches geerbt.
In diesem gesamten Kontext des Widerstandes gegen diejenigen, die das Evangelium durch Eroberung und Unterjochung gepredigt haben, doch unter anderen Bedingungen als die beiden Nachbarn hat sich das litauische Volk gebildet und, trotz Hindernisse, bereits im 13. Jahrhundert einen zentralisierten und souveränen Staat - das Großfürstentum Litauen - geschaffen. Obwohl die expansive Macht der Schwertbrüder zu dem Zeitpunkt bereits gebrochen und die Nordgrenze Litauens gesichert war, mußte Litauen im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts unaufhörlich gegen den aus Preußen vordringenden Kreuzritterorden kämpfen, bis dieser in der Schlacht bei Tannenberg im Jahre 1410 endgültig geschlagen worden war.

Die Schlacht bei Tannenberg (1410),
in der das vereinigte litauisch-polnische
Heer den Deutschen Orden geschlagen und
seinem Vordringen nach Osten Halt geboten hat.
(Graphik aus dem 17.Jh.).
Das Großfürstentum Litauen, der mächtige heidnische Litauerstaat, der über weite Gebiete der orthodoxen Ostslaven herrscht, nimmt sehr spät, erst Ende des 14. Jahrhunderts, den katholischen Glauben an. Zu diesem Zeitpunkt führt Litauen lange und schwere Kriege mit den Kreuzrittern im Westen und mit der immer stärker werdenden Macht des Moskauer Fürstentums im Osten, deshalb ist es gezwungen, die Unterstützung von Polen anzustreben. Die gegenseitige Annäherung dieser beiden Staaten fängt mit der Wahl des litauischen Großfürsten Jogaila (Jagiello) zum König von Polen an. Mit der Annahme der frei gewordenen Krone von Polen, hatte sich Jogaila verpflichtet, Litauen zu christianisieren, und im Jahre 1387 die Taufe des Landes durchgeführt. Die polnische Geistlichkeit, der diese Aufgabe anvertraut wurde, hat sich mit der offiziellen Einführung der neuen Religion und der Schaffung entsprechender Institutionen begnügt, ohne sich viele Gedanken darüber zu machen, was für einen Glauben das Volk wirklich besitzt. Im Lande hat eine Art friedliche Koexistenz zwischen der heidnischen Religion und dem Christentum bestanden. Die hohen Staatsbeamten und der Adel des Landes hatten den christlichen Gott als den Höchsten anerkannt, was aber die Bevölkerung nicht daran gehindert hat, die heidnischen Gottheiten, die sogenannten “Hausgötter”, zu verehren. Diese Lage hat im 15. und 16. Jahrhundert angedauert, bis dann die Reformation gekommen war.