VORWORT

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Jedes Volk besitzt einige symbolträchtige Momente in seiner Kulturgeschichte. Litauen erscheint in der Geschichte Europas zuerst (seit dem 13. Jahrhundert) als ein politisch aktiver Staat, der für seinen administrativen Bedarf sich des Lateins, des alten Kanzleislawischen und des Deutschen als Schriftsprache bedient hat. Doch der Reifezeit einer Nationalkultur wird gewöhnlich mit dem Moment in Verbindung gebracht, als das geschriebene und gedruckte Wort die orale Tradition vervollständigt und allmählich zu ersetzen beginnt. Die frühesten Manuskripte in litauischer Sprache, die heute bekannt sind, stammen aus dem Anfang des 16.Jahrhunderts und das erste gedruckte litauische Buch ist der Katechismus von Martinus Mosvidius (litauisch: Maþvydas), der im Jahre 1547 in Königsberg erschienen ist.

 

Martinus Mosvidius' Unterschrift

 

Wodurch zeichnet sich dieses Ereignis aus, wenn man es in einem breiteren Zusammenhang betrachtet? Die Nachbarvölker der Litauer - Polen, Russen und Deutsche - verfügten doch zu dieser Zeit bereits über eine reiche Tradition des geschriebenen Wortes. Auf diese Frage gibt es mehrere Antworten. Wenn man die Ursache dieser Erscheinung ins Auge faßt, ist vor allem die Verflechtung der verschiedenen Kulturen an sich hochinteressant: im Katechismus stoßen der alte, noch heidnische litauische Glaube und das Christentum - der Katholizismus und der Protestantismus, der polnische und der deutsche Einfluß, politische Absichten und kulturelle Bestrebungen aufeinander. Zweitens ist das Erscheinen des ersten Buches in litauischer Sprache durch die Übernahme des lateinischen Alphabets und das Eintreten ins Feld dieser Schrifttradition auch ein Entscheidungsakt der litauischen Kultur sich nicht Richtung Osten, sondern Richtung Westeuropa zu bewegen. Zuletzt bedeutete das Erscheinen des litauischen Buches auch die Entscheidung, eine eigene litauische Kultur zu schaffen und den polnischen oder deutschen Eiflüssen standzuhalten.

Solche Entscheidungen sind sehr wichtig, wenn man über die Chancen eines kleinen Volkes spricht, zu überleben und eine eigene Existenz zu führen. Das erste Buch ist für die Litauer ein Beweis der Tiefe und Fortdauer der nationalen Kulturgeschichte gewesen, es hat ein Ja für das Recht der Völker bedeutet, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Damit war der Katechismus von Mosvidius ein besonders wichtiges Symbol geworden, das den Litauern geholfen hat verschiedenen Okupationen, darunter auch der sowjetischen Ideologie, nicht zu erliegen

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