
DER KULTURKONTEXT DES ERSTEN LITAUISCHEN BUCHES

Die östliche Küste der Ostsee,
von den baltischen Völkern bewohnt
Vilnius im 16. Jahrhundert
Nach seiner Taufe im 14.Jahrhundert geht das Großfürstentum Litauen eine Personalunion mit dem Königreich Polen ein. Dieser zweideutige Zustand dauert bis zum Jahre 1569, als die Gefahr droht, daß die Jagiellonen-Dynastie vom Aussterben begriffen ist und beide Staaten durch den Vertrag von Lublin sich zur endgültigen Union entschließen. Dieses Datum ist verhängnisvoll gewesen, weil es den Anfang des allmählichen Verlustes der litauischen Unabhängigkeit bedeutete, selbst wenn man bemüht war, den Anschein zu bewahren, als ob es zwei gleichrangige Regierungen, zwei Heere und zwei Verwaltungssysteme gäbe. Die aristokratische polnisch-litauische föderative Republik geht langsam, doch unaufhaltsam zugrunde; unaufhaltsam geht die Entwicklung auf die Teilung des Staates durch die großen Nachbarn Ende des 18.Jahrhunderts hin, bei der Rußland den Löwenanteil an sich reißt.
Litauen ist im 16.Jahrhundert ein multinationaler Staat, und seine Hauptstadt Vilnius stellt eine große, etwa 20 000 Einwohner zählende Stadt dar, in der neben vielen Türmen der katholischen Kirchen auch Kuppeln der orthodoxen Heiligtümer, Minarette der Moscheen und Vordergiebel der Synagogen in den Himmel ragen. Es ist die Metropole eines organisierten, gut verwalteten, von einigen Adelsgeschlechtern (die wichtigsten Namen sind dabei Radivillus, Gasztoldus, Pac und Sapieha) beherrschten Staates. Die Kanzlei des Großfürsten bedient sich der altslawischen Sprache. Man überlegt sich, ob es nicht ratsam wäre, zum Latein zu wechseln, dann entscheidet man sich doch für das Polnische. Gleichzeitig werden die Herrscher, die feierlich nach Vilnius zurückkehren, mit litauischen Liedern begrüßt. Die Juden, nach Litauen von der Großfürstentum gerufen, pflegen Jiddisch, die Tataren beten in den Moscheen arabisch. Es ist eine Europäische Renaissancestadt, deren Tore nach Osten hin offen stehen.

Vilnius. Graphik von T. Makowski (1600)
Glaubensfriede herrscht in der Stadt und im ganzem Lande. Er wird vor allem durch die Tradition der Toleranz bestimmt, die noch aus der heidnischen Zeit stammt: litauische Fürsten, zur Verwaltung in die slawischen Städte geschickt, nehmen gelassen den orthodoxen Glauben an, und kehren später in der Heimat wieder zum Heidentum zurück. Diese Tradition der Duldung ist selbstverständlich auch mit wohl kalkuliertem Interesse verbunden. Die Toleranz, die vor allem den Orthodoxen gilt, die zusammen mit Katholiken verschiedene Staatsämter bekleiden, wird später auch Protestanten gegenüber gezeigt.
Die Reformationsbewegung hat das Großfürstentum Litauen kurz nach ihrem Ausbruch in Deutschland erreicht. In Litauen hatte sie sich etwa hundert Jahre verbreitet und nicht nur die Ansichten der Menschen, sondern auch Wirtschaft und Politik beeinflußt. Am Anfang der Reformation sind in Litauen die Ideen der Renaissance bereits bekannt gewesen, es hatte schon weltliche Literatur, Chroniken und Poesie gegeben, die aber nicht in litauischer Sprache verfaßt wurden. Das Christentum hatte die Bevölkerung Litauens, vor allem die unteren Schichten, noch kaum berührt, deshalb hatte der Protestantismus hier noch ein gewichtiges Argument mehr im Streit mit den meistens polnischen Geistlichen, die den Katholizismus ziemlich erfolglos verbreitet hatten.

Titelseite des Neuen Testaments aus der Biblia Brzeska (1563). Das Buch ist in Brestia, in der Druckerei des Fürsten Nicolaus Radivillus Niger in polnischer Sprache gedruckt worden.

Nicolaus Radivillus Niger (1515-1565),
ein der berühmtesten und einflußreichsten
Adligen in Großfürstentum Litauen,
war Gönner der Protestanten
Seit 1520 werden in Polen bereits Edikte verabschiedet, in denen die Verbreitung der
protestantischen Schriften und das Studium an der Wittenberger Universität untersagt
werden; seit 1535 treten diese Verordnungen auch im Großfürstentum Litauen in Kraft.
Dennoch werden hier die Religionskämpfe, meistens in Form von Diskussionen, zumindest um
die Mitte des Jahrhunderts herum relativ friedlich geführt, denn die Protestanten
besitzen starke und einflußreiche Beschützer, zu denen die Radivillus-Familie und andere
Adelsgeschlechter des Großfürstentums gehören, weil die Reformation Hand in Hand mit
dem Versuch geht, nationale Unabhängigkeit von Polen anzustreben. Im Jahre 1563, früher
als es in Polen geschieht, verabschiedet der Sejm von Vilnius das Privileg, mit dem die
ausnahmslose Religionsfreiheit für alle Bekentnisse gewährt wird. Etwa um die gleiche
Zeit wird Litauen zum Herd der radikalsten Strömungen in Europa.
Die Reformation hat Litauen aus der kulturellen Erstarrung erweckt, sein soziales Denken reifen lassen, das Schrifttum in der Volkssprache aktiviert, kulturelle Tätigkeit ihrer Gegner, der Katholiken, stimuliert, Litauen und Europa einander näher gebracht. Man darf darauf stolz sein, daß Litauen in der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts für einige Zeit sowohl in politischer, als auch in religiöser Hinsicht zum Zentrum des Liberalismus, der fortschrittlichsten religiösen Ideen im christlichen Europa wird und für eine kurze Periode Westeuropa im Sinne der politischen Kultur überholt
Dieser Aufschwung der Kultur in Litauen könnte dadurch erklärt werden, daß man den Jahrzehnte dauernden Dialog zwischen den unterschiedlichen Konfessionen betont, der auch Kulturprojekte der diskutierenden oder wettstreitenden Parteien stimuliert hat. Es ist aber nicht zu vergessen, daß damals, im 16.Jahrhundert, Vilnius eine Stadt gewesen ist, in der nicht nur protestantische und katholische Ideen aufeinander getroffen sind. Hier haben auch verschiedene, doch miteinander im Kontakt stehende Nationalitäten gelebt, und somit ist die Hauptstadt des Großfürstentums Litauen auch zu einem wichtigen Herd der slawischen und jüdischen Kultur geworden. 1522 und 1525 druckt hier der den Protestanten nahestehende Weißrusse Franciscus Skoryna seine ersten Bücher. In Vilnius findet der berühmte russische Drucker Ivan Fedorov Zuflucht, als er aus Moskau fliehen muß, weil dort die Menge, durch die Konkurenz fürchtende Klosterschreiber aufgehetzt, seine Druckerei demoliert hat. In kurzer Zeit wird Vilnius zu einem zweiten Babel, wo Drucker in verschiedenen Sprachen ihre Bücher um die Wette drucken, die ganz unterschiedliche Ansichten vertreten. Die Meinungsfreiheit ist hier erstaunlich: neben den Katholiken werden hier auch die Reformierten sehr aktiv, und die orthodoxen Mönche, die ihre eigene Druckerei besitzen, drucken Spottschriften gegen den Katholizismus.
Postille von Mikalojus Daukða (1599). Eines der ersten Bücher, die in Großlitauen gedruckt wurden. Die Platte dieser Titelseite mit dem Triumphbogen im Renaissancestil wurde auch für den Druck des Apostels von I.Fedorov (1564), des ersten in Rußland erschienenen Buches, sowie der Reformierten Litauischen Postille (1600) verwendet. Die gleiche Gestaltung ist somit für den Druck der Bücher dreier Konfessionen benutzt worden, indem man nur den Text geändert hatte.
Dennoch gewinnt die Gegenreformation Ende des 16.Jahrhunderts die Oberhand, Polen ist sehr daran interessiert, Litauen katholisch zu erhalten und die staatliche Union zu stärken. Zum Kampf gegen die Reformation wird nach Litauen der Jesuitenorden berufen, der gleich mit dem Aufbau eines den protestantischen Schulen alternativen Systems der Höheren Bildung beginnt und Ihr Kolleg gründet, das1579 in den Rang einer Akademie erhoben wird. Der Erfolg der Gegenreformation ist auch dadurch zu erklären, daß die Reformation in Litauen hauptsächlich die höheren Schichten berührt hatte und vieles von dem Willen des einen oder anderen Adeligen abhängig gewesen ist. Doch selbst dann, wenn sie von der staatlichen Bühne endgültig verdrängt wurden, konnten sich die Protestanten weiter in den Gebieten behaupten, die im Besitz einzelner Adelsfamilien gewesen sind. Diese Glaubensinseln sind bis in unsere Zeit erhalten geblieben.