LAND DER LIETUVININKAI

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VORWORT

Dieses Buch behandelt die Geschichte, die Lebensweise, die Sprache und die Bräuche der Westlitauer, die sich selbst Lietuvininkai nennen, und ihre Heimat Kleinlitauen. Die von ihnen besiedelte Landfläche (17000-18000 km²) umfasste folgende Flussbecken: Unterlauf des Nemunas, Mittlauf und Oberlauf vom Prieglius-Fluss, von Klaipëda bis Geldapë und von hier die Strecke bis Ðventapilis am Rande des Aistmeers. Den Kern Kleinlitauens bildeten folgende Bezirke: Tilsit, Ragnit, Insterburg und Labiau. Die Bewohner dieser Landschaften waren seit alten Zeiten baltische Stämme (Litauer, Skalven, Nadruven, Semben, Kursen u.a.), aus denen sich im Laufe des 6.-15. Jh. das Volk der Lietuvininkai gebildet hat. Im 13. Jh. war das Land vom Kreuzritterorden unterjocht. Nach dem Melner Friedensschluss von 1422 gehörte das Land dem Orden. Nachdem 1525 der Großmeister des Kreuzritterordens, Albrecht von Brandenburg, anstelle des Katholizismus den protestantischen Glauben angenommen hatte und den Staat des Ordens als weltliches Fürstentum (Herzogtum) Preußen erklärt hatte, wurde das Land der Lietuvininkai auch preußisches Litauen genannt. Im Herzogtum Preußen (1701-1908 Königreich), das von Deutschen regiert wurde, war Kleinlitauen gleichsam ein separater Kleinstaat mit Bewohnern unterschiedlicher Nationalität. Unter schweren Bedingungen der Unterdrückung haben sie ihre Sprache, Bräuche und ihre litauische Lebensweise bewahrt. Hier wurde eine eigenständige Literatur geschaffen, die belebend die Kultur des benachbarten Großlitauens beeinflusste. In Kleinlitauen erschien das erste gedruckte litauische Buch, der "Katechismus" (1547) von Martynas Maþvydas. Die Bibel  wurde hier von J. Bretkûnas ins Litauische übersetzt, und die erste Grammatik der litauischen Sprache wurde hier  (von D. Klein im Jahre 1653) geschrieben. Im 17. Jh. wurden hier die litauische Lebensweise, die Bräuche und der Glauben gründlich beschrieben (von E. Wagner, M. Pretori, K. Hartknoch, T. Lepner), und im 18. Jh. wurde hier das erste klassische Werk der litauischen schöngeistigen Literatur geschaffen, das Poem "Die Jahreszeiten" von K. Donelaitis. Nach der großen Pest 1709-1711 begann die deutsche Besiedlung Kleinlitauens. In die von Litauern bewohnten Gegenden zogen 1710-1736 ca. 23.000 Übersiedler, meist deutsche Bauern. Die Rechte der Litauer wurden ständig verengt, ihre Kultur wurde aus dem öffentlichen Leben verdrängt. 1872-1876 war die litauische Sprache in den Schulen und in allen staatlichen Anstalten verboten. Die Germanisierungspolitik hatte ihr Ziel erreicht: 1736 waren 80% der Bewohner in den Gebieten Klaipëda, Tilsit, Ragnit, Insterburg und Labiau Litauer, 1837 33% und 1900 20%. Die offene Verfolgung der Lietuvininkai begann, als Hitler zur Macht kam (1933). Den Todesstoß haben der 2. Weltkrieg sowie die sowjetische Okkupation in der Nachkriegszeit versetzt. Fast alle Lietuvininkai waren in Europa und Sibirien zerstreut, und ihr Land wurde von neuen Kolonisten aus der Sowjetunion besiedelt. Ihr Land war verwüstet, sogar die Ortsnamen waren verändert (slavisiert). Und erst nach dem Zerfall der Sowjetunion kehrten die Lietuvininkai zurück, und ihre Kultur begann aufzuerstehen. Um die Reste dieser verwüsteten Kultur in das Land der Lietuvininkai zu bringen, veranstalteten die Gesellschaft für litauische ethnische Kultur und die Gesellschaft für Heimatkunde Litauens eine Forschungsreise, woran die wissenschaftlichen Arbeiter des Instituts für die Geschichte Litauens, des Instituts für litauische Sprache, des Instituts für litauische Literatur und Folklore sowie Dozenten und Studenten der Pädagogischen Universität Vilnius, der Kunstakademie und der Musikhochschule teilnahmen. Beihilfe leisteten die Mitglieder der Gesellschaft "Kleinlitauen" und alle Lietuvininkai. Die Ethnografen leitete Vacys Milius, die Sprachwissenschaftler Aloyzas Vidugiris, die Volksdichtungswissenschaftler Norbertas Vëlius, die Musikologen Zita Kelmickaitë, die Historiker Algirdas Matulevièius. Die ganze Forschungsreise leiteten Norbertas Vëlius und Irena Seliukaitë. Während der Expedition erforschte man die Natur und Geschichte dieses Landes, auch Volksdichtung und Material über die Sprache und Ethnographie wurde gesammelt. Anhand des gesammelten und früher veröffentlichten Materials sowie nach Archivangaben waren Artikel geschrieben, die in dieser Auflage publiziert werden. Die Folklore der Lietuvininkai und die Artikel darüber werden in der Auflage "Lietuvininkø þodis" ("Das Wort der Lietuvininkai") veröffentlicht. Diese Bücher sind ein bescheidenes Denkmal der Lietuvininkai und ihrer alten und reichen Kultur. Hoffentlich werden sie die Aufmerksamkeit der anderen Wissenschaftler auf diese eigentümliche Kultur lenken, damit sie die von uns begonnene Arbeit fortsetzen.

Norbertas VËLIUS

 

Land der Lietuvininkai: Monographie im Litauischen.

Gesellschaft der litauischen ethnischen Kultur, Gesellschaft der Landeskunde Litauens, Redaktionskommission: N. Vëlius (Vorsitz.) u.a. – Kaunas: Litterae universitatis, 1995. – 738 S., 32 S. Illustr.


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