LITAUISCHES KULTURINSTITUT

Friedrich Scholz

MAÞVYDAS UND DIE LITAUISCHE LITERATUR

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Vor 450 Jahren erschien in Königsberg das erste Buch in litauischer Sprache. Ein Autor oder Herausgeber erscheint weder auf dem Titelblatt noch vor oder nach dem Vorwort.

Königsberg war damals Haupt- und Residenzstadt des Herzogtums Preußen. 1825 hatte Herzog Albrecht von Brandenburg-Ansbach, der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens, diese letzte Provinz des einst gesamten Baltikums außer Litauen umfassenden Ordensstaates zu einem weltlichen Herzogtum erklärt. Das Land war vor der Eroberung durch den Deutschen Orden von einem baltischen Volk, von Prussen oder Preußen, bewohnt. Diese waren im Laufe von etwa 300 Jahren durch die Eroberungszüge des Ordens umgekommen oder von Epidemien dahingerafft worden, durch deutsche Siedler, die der Orden ins Land geholt hatte, verdrängt worden oder waren in dieser neuen Siedlerbevölkerung aufgegangen und sprachlich germanisiert worden, sodass die baltische Sprache der Prussen, die dem Litauischen und Lettischen verwandt war, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts bereits auszusterben begann und sich nur noch bis ins Jahr 1700 in abgelegenen Gebieten des Landes hielt. Immerhin ließ Herzog Albrecht, der zum lutherischen Protestantismus übergetreten war, noch den Katechismus ins Prussische übersetzen, ein Versuch den Prussen ein geistliches Schrifttum in ihrer Sprache zu schaffen, der aber fehlschlagen musste, da die Anzahl der Prussen, die ihre Muttersprache noch benutzten, immer geringer wurde.

Ganz anders sah es im nordöstlichen Teil des neuen Herzogtums aus. Hier hatten sich nach verschiedenen Pestepidemien, die in den vorhergehenden Jahrhunderten das Land weitgehend entvölkert hatten, Litauer aus den benachbarten Gegenden niedergelassen. sodass ein mehr oder weniger geschlossenes Gebiet entstanden war, das sich von Memel, lit. Klaipeda, die Küste entlang bis nach Labiau und von dort bis in Gegend von Goldap, südwestlich von Königsberg, erstreckte, das später "Kleinlitauen" oder "Preußischlitauen" genannt wurde. Auch diese Litauer waren wie die gesamte Bevölkerung des Herzogtums zwar nominell Christen, aber um ihre Katechisierung stand es, wie auch mit der der Litauer im Kernland Litauen sehr schlecht. In beiden Teilen Litauens gab es kein geistliches Schrifttum in litauischer Sprache, eine notwendige Grundlage für eine wirkungsvolle Katechisierung, also keine Katechismen, keine Gesangbücher, keine Übersetzungen der Heiligen Schrift usw. Dem wollte Herzog Albrecht, nach seinem Übertritt zum Protestantismus vom lutherischen Missionseifer ergriffen, abhelfen. In diesem historischen und geistesgeschichtlichen Zusammenhang ist das erwähnte kleine litauische Buch, das er vor nunmehr 450 Jahren in Königsberg auf seine Kosten drucken ließ, zu sehen.

Auf der Rückseite des Titelblattes steht das aus zwei Distichen bestehende Widmungsgedicht in lateinischer Sprache. Das Bemerkenswerte an diesen Versen ist, dass sie nicht an Herzog Albrecht gerichtet sind, der diese Ausgabe ja veranstaltet hatte, sondern an das Großfürstentum Litauen. Schon dieses Widmungsgedicht weist darauf hin, dass der Autor des Buches nicht aus Preußen stammte, sondern aus dem Kernland Litauen. So wendet er sich dann auch in dem darauf folgenden Vorwort an die Pastoren und Diakone der Kirche in Litauen, an die Adligen und Schulmeister, also an alle des Lateinischen kundigen Gebildeten. Ausführlich beweist er mit allen möglichen Argumenten aus der heiligen Schrift die Notwendigkeit, gerade das einfache Volk in direkte Berührung mit dem Worte Gottes zu Bringen. Dies sei die Pflicht der Geistlichen und aller Gebildeten, die aufgrund ihrer Kenntnis des Lateinischen an ihm teil haben können.

Die in litauischer Sprache verfasste "Rede des Büchleins selbst an die Litauer und Zemaiten" ist in Gestalt einer für die Zeit des Barock typischen Gattung geschrieben. Auch unter diesem in niederlitauischer (zemaitischer) Sprache mit hochlitauischen Elementen verfassten Vorwort, das für die eigentlichen Benutzer des Büchleins bestimmt war, findet sich kein Name des Verfassers. Wer aber darauf achtet, mit welchen Buchstaben der 3. bis 19. Vers dieses Gedichts beginnt, und dann die einzelnen Buchstaben zu Wörtern zusammensetzt - und daran waren gebildete Leser in der Zeit des Barock durchaus gewöhnt, denn sie kannten ein solches Verfahren aus vielen Gedichten -, der kann daraus ein sogenanntes Akrostichon herauslesen, das in diesem Fall einen Namen und einen Familiennamen ergibt, den Vor- und Nachnamen des Verfassers des Buches: Martinus Masvidius. Die einfachen Leute, für die das Buch ja in erster Linie bestimmt war, konnten das natürlich nicht, aber für den Verfasser eines Buches interessierten sie sich ohnehin nicht.

So haben wir nun endlich nicht nur den Namen des Autors entdeckt, sondern auch einen wesentlichen Charakterzug, der ihn offenbar auszeichnete: er war ein sehr bescheidener Mann, dem es um die Sache, d.h. um das geistliche Wohl des ihm anvertrauten einfachen litauischen Volkes ging, nicht um persönlichen Ruhm.

Sonst wissen wir wenig über ihn. Urkundlich belegt ist sein Todesjahr: 1563. Weiter wissen wir, dass ihn Herzog Albrecht im Jahre 1546 einlud, an seine von ihm 1544 gegründete Universität nach Königsberg zu kommen, wobei er ihn in seinem Brief "hochgelehrt" (erudite) nannte.

Maþvydas Verhältnis zum einfachen litauischen Kirchenvolk, das er zu betreuen hatte, war, wie es für die Mitte des 16. Jahrhunderts nur natürlich ist, geprägt von der Standesgesellschaft: das Volk ist ungebildet und roh. Er vergleicht die einfachen Leute mit Kindern, die nur lallen können, d.h. die Katechese muss auf das Notwendigste beschränkt und komplizierte dogmatische Aussagen über den Glauben müssen in vereinfachter, kindgemäßer Darstellung vorgetragen werden. Die einfachen Litauer hingen nicht nur noch vielfach ihren alten heidnischen Göttern und allem möglichen Aberglauben an, sie wollten auch noch ihre hergebrachten katholischen Feste, besonders die der verschiedenen Heiligen, feiern und, was das Schlimmste war, sie waren nicht dazu zu bewegen, den Katechismus und das Vaterunser, d.h. die christlich-protestantische Gebete zu lernen. Maþvydas weiß schließlich keinen anderen Ausweg, als den Herzog zu bitten, durch Verordnungen und Kontrollen, durch Strafandrohung, ja mit Gewalt, die von Gott gewollte Ordnung durchzusetzen.

Auch sein Verhältnis zur Obrigkeit, zum Souverän des Staates, in dem er lebte, entsprach diesem im Grunde genommen noch mittelalterlichem Weltbild: sie ist von Gott eingesetzt, hat die Fürsorgepflicht für die ihr Untergebenen, sowohl ihr leibliches als vor allem auch ihr geistliches Wohl betreffend. Wie ein treu sorgender Vater seine Kinder auch mit der Rute zur Rechtschaffenheit zu erziehen hat, so hat auch der Landsherr das Recht und die Pflicht, seine Untertanen zu züchtigen und sie notfalls mit Gewalt zu ihrem Seelenheil zu bringen.

Ein wichtiges Mittel, dies bei dem einfachen litauischen Kirchenvolk zu erreichen, war die Katechisierung in seiner Muttersprache, denn sie verstanden ja kein Latein und kein Deutsch. Aus diesem Grund hatte er seine litauische Katechismusübersetzung angefertigt, und die Litauer mussten nun, wenn sie es nicht wollten, gezwungen werden, diesen Katechismus auswendig zu lernen.

Sehr nüchtern ging man damals mit Begriffen wie Muttersprache oder Nationalsprache, wie Volk oder Nationalität um. Bis zur Vorromantik und zur Romantik, die diese Begriffe dann mit einem Nimbus umgab und sie ins Mythische erhob, in einen Bereich, in dem sie noch im heutigen Bewusstsein verankert sind, waren es noch mehr als zwei Jahrhunderte. Und doch hat Maþvydas, ohne es zu ahnen, mit seinen Schriften den Grundstein nicht nur für eine geistliche Bildung dieses Volkes gelegt, sondern hat er hat mit diesen Schriften späteren Generationen auch den Weg gewiesen, wie man diesem Volk zu einer Bildung in seiner Nationalsprache verhelfen könnte, wie man dies später nennen sollte, später, als die Vorläufer der Romantik Johann Georg Hamann (1730-1788) und Johann Gottfried Herder (1744-1803) erkannt hatten, dass in der Nationalsprache und in der Volksdichtung das geistige Erbe eines Volkes erhalten ist, Ideen, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Siegeszug der Romantik in ganz Europa durchsetzen.

Natürlich hat Maþvydas bei der Abfassung seines Katechismus keine derartigen theoretischen Erwägungen angestellt. Für ihn war Bildung unabdingbar mit der Kenntnis des Lateinischen verknüpft, aber um das Litauische, das nur als in viele Dialekte zersplitterte gesprochene Sprache existierte, fähig zu machen, Inhalte einer christlichen Bildung zum Ausdruck zu bringen, die zudem über ein bestimmtes Dialektgebiet hinaus verständlich waren, hat er intuitiv die richtigen Entscheidungen getroffen. Sein Katechismus mit all seinen Unzulänglichkeiten im Einzelnen stellt so das Litauische als Schriftsprache mit einem Schlage mitten in die europäische Kultur seiner Zeit hinein. Er wurde dann auch der Auftakt zu einer sich über mehr als vier Jahrhunderte erstreckenden Entwicklung einer litauischen Schriftsprache, die dazu geführt hat, dass die heutige litauische Schriftsprache den anderen europäischen in nichts nachsteht.

Seit man sich in Litauen um die Mitte des 19. Jahrhunderts für die Entstehung und die Entwicklung der eigenen Schrift- und Literatursprache zu interessieren begann, datiert natürlicherweise auch das Interesse für Martynas Maþvydas, den ersten litauischen Autor.

Wie wir bereits gesehen haben, hat man aufgrund der misslichen Quellenlage nicht viel über sein Leben und sein Wirken zusammengetragen können, und das wenige, was uns darüber überliefert ist, haben wir bereits kennengelernt. Wo die historischen Quellen spärlich sind oder schweigen, ist der Phantasie ein desto weiterer Raum belassen, wenn ein Schriftsteller oder gar ein Dichter ein lebendiges Bild einer historischen Persönlichkeit zeichnen will, die er zum Helden eines literarischen, also eines künstlerischen Textes machen will. Und das ist, vom Standpunkt der Schönen Literatur aus gesehen, legitim. Ein literarisches Kunstwerk ist ja kein historiographischer Text, auch wenn der Autor als Sujet historische Vorgänge oder Persönlichkeiten wählt. Es gehorcht seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten, die sich aus seiner inhaltlichen und formalen Gesamtstruktur ergeben, So erklärt sich die Erscheinung, dass häufig sogar dann, wenn die Quellen sehr viel reichhaltiger als in unserem Fall sind, die historischen Geschehnisse gegen die Quellen dargestellt werden oder die Charakterisierung historischer Persönlichkeiten anders erfolgt, als die Zeitgenossen diese Personen gesehen haben. Viele berühmte historische Romane können das bezeugen. Ein solcher künstlerischer Text will nicht die äußere historische Wirklichkeit in allen Einzelheiten rekonstruieren, er soll die innere Wahrheit der historischen Geschehnisse oder der historischen Persönlichkeiten aufzeigen oder auch durch die Behandlung von Zuständen und Ereignisse aus der Vergangenheit Licht auf Vorgänge in der Gegenwart werfen. So ist das auch mit der Person und dem Wirken von Maþvydas geschehen, wenn er in literarischen, in künstlerischen Texten dargestellt worden ist.

Es handelt sich um ein kleines Versdrama mit dem Titel Maþvydas, Trijø daliø giesmë (Maþvydas, Ein (Kirchen)lied in drei Teilen) von Justinas Marcinkevièius (geb. 1930). Es ist im Jahre 1977 in Vilnius in Buchform erschienen, nach dem es einige Monate zuvor in drei Heften einer literarischen Zeitschrift herausgekommen war. Schon vor seiner Drucklegung fand in Jahre 1976 im Dramatischen Theater in Klaipëda (Memel) die Uraufführung des Stückes statt, danach 1977 eine Aufführung als Hörspiel in litauischen Radio und 1978 schließlich die erste Aufführung im Dramatischen Theater in der Hauptstadt des Landes, in Vilnius, wo es dann viele Jahre mit großem Erfolg gespielt wurde.

Marcinkevièius macht in seinem Drama Maþvydas zu einem tragischen Helden. Als er das Großfürstentum Litauen bei Nacht und Nebel verlassen musste, ließ er dort seine Frau zurück, die später einen Sohn gebar, von dessen Existenz er nichts wusste. Nach dem Tod seiner Mutter kommt dieser Sohn, mit Namen Kaspar, heimlich nach Preußisch-Litauen, um Maþvydas den Ring zu übergeben, den dieser seiner Frau geschenkt hatte. Es kommt zu einem dramatischen Zusammentreffen zwischen beiden: Kaspar verurteilt seinen Vater moralisch, weil dieser seine Frau, seinen Sohn und seine Heimat verlassen habe. Dieser versucht sich vor seinem Sohn damit zu rechtfertigen, dass er dies nur getan habe, um die Litauer in Preußisch-Litauen geistlich zu betreuen, materiell zu unterstützen und sie eines Tages mit den Litauern im Großfürstentum wieder zu vereinen.

Das ist natürlich alles reine dichterische Phantasie. Im 16. Jahrhundert gab es in Europa noch kein Nationalbewusstsein und keinen Patriotismus, wie sie hier vorausgesetzt werden. In den 70er Jahren unseres Jahrhunderts war aber auch das unter den damals in der früheren Sowjetunion herrschenden Umständen schon mutig. Sehen wir etwas genauer hin, bemerken wir, dass es hier im Grunde genommen gar nicht um diese Probleme, vor die die Kirche im 16. Jahrhundert in Preußisch-Litauen und in Großfürstentum Litauen gestellt war, geht, sondern um Probleme, die in Litauen der 70er Jahre unseres Jahrhunderts das Land und seine Bewohner in ständig wachsendem Maße bedrängten. Das Land war seit mehr als drei Jahrzehnten seiner politischen Selbständigkeit beraubt, zwangsweise zu einem Bestandteil der früheren Sowjetunion gemacht worden und von sowjetischen Truppen besetzt. Eine von der Sowjetmacht konsequent verfolgte Strategie zielte darauf ab, Litauen und die anderen beiden Länder des Baltikums, Estland und Lettland, die ebenfalls von ihr okkupiert worden waren, durch eine massive russische Unterwanderung zu Ländern zu machen, in denen die einheimischen Völker ständig kleiner werdende Minderheiten darstellten, sodass sie eines Tages dem ganz unter russischer Dominanz stehenden Sowjetimperium vollständig hätten einverleibt werden können. Die Staats- und Bildungssprache der Länder des Baltikums wäre dann das Russische geworden, die einheimischen Sprachen, die geistige und die materielle Kultur der Völker vernichtet, die Völker selbst mit den anderen russifizierten Völkern des Imperiums verschmolzen worden und hätten aufgehört, als selbständige ethnische und politische Einheiten zu existieren. Dieses Horrorbild war Mitte der 70er Jahre in einigen Regionen des Baltikums wie z.B. im Narva-Gebiet in Nordestland, schon fast Wirklichkeit geworden. Die völkische Substanz, die Existenz der eigenen Sprache und Literatur, waren also in hohem Maße bedroht. In solchem Kontext müssen wir das Drama von Marcinkevièius lesen, und damit hängt ohne Zweifel auch der große Erfolg zusammen, den das Theaterstück in vorzüglichen Inszenierungen in Litauen gehabt hat, wo es seit dem Ende der 70er Jahre mehr als ein Jahrzehnt hindurch zum ständigen Repertoire der Theater gehörte. Im damaligen Litauen konnte man die angesprochene Problematik nicht offen behandeln, aber in die Vergangenheit zurückprojiziert, konnte sie als Teil der nationalen Geschichte einer "Sowjetrepublik" auf die öffentliche Bühne gebracht werden, wo sie groteskerweise in der offiziellen Kritik als Auswuchs feudalistischer Herrschaftsstrukturen gebrandmarkt werden konnte, die im Gegensatz zu den zeitgenössischen "Idealen" sowjetischer Verhältnisse stand.

In dieser poetisch überhöhten Schlussszene wird alles zum Symbol: Maþvydas, der Pastor, der gute Hirte seiner christlichen Gemeinde, der sich gerade auch um die Armen kümmert und ihnen durch das Lesenlernen die Heilige Schrift nahe zu bringen sucht, wie er uns in den historischen Quellen entgegentritt, wird zum Erzieher und Wegweiser seines armen und entrechteten Volkes, der in den Menschen das Gefühl wecken und bestärken will, dass sie ein eigenständiges Volk mit eigenem Land, mit eigener Sprache, mit eigener Kultur und eigener Geschichte sind. Diese Botschaft, die dem Maþvydas auf der Bühne poetisch verschlüsselt in den Mund gelegt wird und der dadurch hier zu einer pseudo-historischen Persönlichkeit wird, haben die Theaterbesucher in Litauen der 70/80er Jahre unseres Jahrhunderts wohl verstanden und sie auf sich selbst und die Situation ihres Landes, ihrer Sprache und ihrer Kultur bezogen. Und sie haben Marcinkevi?ius‘ Drama nicht nur mit großem Applaus bedacht, sondern diese Botschaft auch beherzigt und in ihr Leben und ihre Umwelt hineingetragen. Ohne Zweifel hat das dazu beigetragen, das nationale Selbstbewußtsein der Litauer in diesen schweren Jahren wachzuhalten und so überhaupt erst die nationale Wiedergeburt und die staatliche Selbstständigkeit ermöglicht, die dann nach dem Zerfall der früheren Sowjetunion Wirklichkeit wurden, ihrem Zerfall, der durch das mutige Verhalten der Völker des Baltikums beschleunigt wurde.

Die Bedeutung, die Martynas Maþvydas in den vergangenen 450 Jahren für die litauische Literatur gehabt hat, ist also vielfältig. Er hat durch die Publikation seines Katechismus und dessen Gestaltung den Anstoß zur Entstehung eines litauischen Schrifttums gegeben und intuitiv auch die für die künftige litauische Schrift- und Literatursprache notwendigen Verfahrensweisen in seinen übersetzten sowohl wie in den von ihm selbst verfassten Texten praktisch vorgeführt. Er ist zu einer nationalen Symbolfigur, zu einem Beweis dafür geworden, dass die Entwicklung einer eigenen litauischen Schrift- und Literatursprache möglich war, und hat diese Entwicklung dadurch gefördert, und er ist schließlicht selbst zu einer Figur, einem Helden in einem literarischen Text geworden, in einem Drama, das zwar eine gewisse Verzerrung historischer Tatbestände aufweist, die sich in Rahmen dieses künstlerischen Textes als notwendig erwies, das aber eine Aussage enthält, die dem litauischen Volk in einer historischen Situation, in der es in seiner Existenz bedroht war, hilfreich gewesen ist. So haben der historische und der unhistorische Maþvydas wesentlich zur Entstehung wie zur Entwicklung und zur Erhaltung der litauischen Schrift- und Literatursprache beigetragen. Dafür gebührt dem historischen Maþvydas in diesem Jubiläumsjahr des Erscheinens seines ersten Buches, das gleichzeitig das erste Buch in litauischer Sprache war, ein ehrendes Angedenken.

Bearbeitet nach:
Litauisches Kulturinstitut, Jahrestagung1997.
Friedrich Scholz. Maþvydas und die litauische Literatur


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