FRIEDHILDE KRAUSE

DAS ERSTE LITAUISCHE BUCH

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Die Republik Litauen erwartet ihre wohl größte kulturhistorische Feierlichkeit der letzten Jahrzehnte, das 450jährige Jubiläum des ersten litauischen Buches, das 1547 von dem deutschen Drucker Hans Weynreich (auch Weinreich) in Königsberg gedruckt wurde. Aus Danzig gekommen, richtete dieser um die Wende 1523/24 eine Bücherei in Königsberg ein, wo er 1560 verstarb. Diese Stadt war bis Mai 1525 die Hochmeisterresidenz des Deutschen Ordens in Ostpreußen gewesen und Albrecht von Branderburg-Ausbach (1490-1568) seit 1511 der katholische Hochmeister. Begeistert von den Lehren Martin Luthers und in persönlichem Kontakt mit dem Reformator, legte Albrecht 1525 nach Umwandlung des Ordenslandes in das Herzogtum Preußen als Lehen des Königreichs Polen kraft landesherrlicher Befugnis das religiöse Bekenntnis seiner Landeskinder auf evangelischer Grundlage fest. Preußen war damit der erste protestantisch bestimmte Landesstaat geworden. In dem sich gerade konsolidierenden Herzogtum kam es 1544 zur Gründung der Universität Königsberg, auch hier in unmittelbarer Beziehung zu der ebenfalls noch jungen Wittenbergischen Universität. Die protestantisch geprägte Bildungspolitik der Universität Königsberg hatte von ihren Anfängen an einen entscheidenden Anteil am Zustandekommen des litauischen Schrifttums.

Die reformatorischen und bildungspolitischen Auffassungen Herzog Albrechts waren sowohl von landesväterlichen Wertvorstellungen als auch von humanistisch geprägter Religiosität getragen. Um die religiösen Bedürfnisse seines Vielvölkerstaates (dort lebten Pruzzen, Litauer, Deutsche, Polen) im Sinne der volkssprachlichen Intentionen der Reformationsbewegung zu befriedigen, ließ der Herzog in Königsberg protestantische Literatur in den verschiedenen Sprachen drucken. Dort hatte das Druckereigewerbe um diese Zeit einen beachtlichen Stand erreicht. Man konnte nicht nur lateinische, sondern auch deutsche, polnische und andere Texte setzen. Dagegen gab es in Litauen / Vilnius in dieser Zeit noch keine entsprechend ausgestattete Druckerei. Das erste Buch in deutscher Sprache wurde in Königsberg 1524 gedruckt, in polnischer Sprache 1543 und in pruzzischer Sprache 1545.

Das erste litauische Buch erschien in Königsberg 1547. Sein Herausgeber und Autor war Martynas Maþvydas (in lateinischer Form Martinius Masvidius oder Mosvidius, auch Mosvid), geboren um 1520 in der Landschaft Zemaiten (Litauen) und verstorben 1562 in seiner Pfarrei in Ragainë (Rangit), heute Neman im Kaliningrader Gebiet in Russland. 1546 von Herzog Albrecht aus Vilnius nach Königsberg geholt, erwarb der hochgebildete Maþvydas als erster litauischer Student der Königsberger Universität und als Stipendiat des Herzogs das Bakkalaureat der Theologie. Seine Hauptaufgabe war aber, möglichst schnell einen Katechismus in litauischer Sprache vorzubereiten, um die lutherische Mission unter den Litauern vorantreiben zu können. Maþvydas erfüllte diese Aufgabe noch während seines Studiums an der Königsberger Universität, 1549 wurde er zum Pfarrer in Ragainë (Rangit) ernannt. Maþvydas schrieb noch einige weitere Werke, die zum Teil gedruckt, zum Teil als Handschriften erhalten geblieben sind. Erhalten sind auch viele seiner Briefe, die ebenfalls von seinem schriftstellerischen Talent zeugen.

Das erste gedruckte litauische Buch, der litauische Katechismus von Martynas Maþvydas, enthält nicht nur die Übersetzung des Kleinen Katechismus von Martin Luther ins Litauische. Diese macht nur ein Viertel des ganzen Buches aus. Schon sein litauischer Titel, übersetzt ins Deutsche, "Die einfachen Worte des Katechismus, die Lehre vom Lesen der Schrift und Lieder für das Christentum und für Kinder neu aufgelegt in Königsberg am VIII. Tage des Monats Januar 1547 nach Christi Geburt", sprengt diesen Rahmen. Das Werk enthält sechs selbständige Teile, von denen einige auch als eigenständige Druckerzeugnisse hätten erscheinen können, wie die litauische Fibel und die erste litauische Liedersammlung mit Noten. Das in litauischer Sprache verfasste Vorwort von Maþvydas bezeichnet den Anfang der schöngeistigen Literatur Litauens und ist auch für die litauische Kulturgeschichte von Bedeutung. In diesem Vorwort wird zum ersten Mal der Begriff "Buch" erwähnt. Das Werk ist insgesamt den in Westeuropa zu jener Zeit verbreiteten Religionsbüchern sehr ähnlich. Bei seiner Ausgestaltung wurden die damals neuesten Erkenntnisse der Typografie, der Malerei und der Pädagogik verwendet. Soweit bekannt, sind heute nur noch zwei Original-Exemplare des Katechismus von 1547 erhalten: Das eine besitzt die Universitätsbibliothek in Vilnius, das andere die Universitätsbibliothek Torun (Thorn).

Seit etwa zweihundert Jahren steht das erste gedruckte litauische Buch unter verschiedenen Aspekten im Blickpunkt der Forschung. Es wurde einige Male in Deutschland, in den USA und in Litauen wieder aufgelegt. Für die Litauer ist dieses Buch aber mehr als nur ein Objekt der Forschung. Es gehört zu den größten geistigen und materiellen Werten, die dieses Land besitzt. Die Generalkonferenz der UNESCO (Paris, 28. Sitzung, 1995) hat den 450. Jahrestag des ersten litauischen gedruckten Buches in den Kalender der wichtigsten Ereignisse des Jahres 1997 aufgenommen und die Weltgemeinschaft aufgerufen, ihn sinnvoll zu begehen.

In Litauen werden schon seit geraumer Zeit Vorbereitungen getroffen, um dieses Ereignis entsprechend zu würdigen. Im staatlichen Programm der 450 Jahr-Feier des ersten litauischen Buches von Martynas Maþvydas, das in deutscher Sprache vorliegt, sind die wichtigsten Vorhaben - Konferenzen, wissenschaftliche Publikationen, Kunstwerke und so weiter - enthalten. Die Staatliche Kommission für die Durchführung dieses Jubiläums steht unter der Leitung des Ministerpräsidenten der Republik Litauen und zählt profilierte Persönlichkeiten zu ihren Mitgliedern. Schriftführer der Kommission ist der Buch- und Bibliothekswissenschaftler Prof. Dr. Domas Kaunas, Lehrstuhlinhaber an der Universität Vilnius. Das Jubiläum des ersten litauischen Buches bietet eine günstige Gelegenheit, die deutsch-litauische Zusammenarbeit auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet zu vertiefen. Der erste Schritt in dieser Richtung war die Konferenz "450 Jahre deutsch-litauische Buchbeziehungen", die von der Ostsee-Akademie (Lübeck-Travemünde) vom 12. bis 17. Juni 1996 in Travemünde und - im Hinblick auf das 450. Todesjahr von Martin Luther - in Wittenberg veranstaltet wurde. Diese Konferenz verdeutlichte durch ihre Vorträge, dass Königsberg und Preußisch-Litauen mit Tilsit zu Zentren des gedruckten litauischen Wortes geworden waren. Von hier ging im 19. Jahrhundert die litauische Nationalerweckung aus, die mit den Büchergängern in den russischen Teil Litauens übergriff und nach Befreiung strebte.

Das Jubiläumsprogramm verspricht für 1997 viele für den Bibliophilen interessante Vorhaben, so unter anderem die Veröffentlichung verschiedener Faksimileausgaben älterer Schriftdenkmäler, mehrerer Monografien zur Geschichte des litauischen Buches und eines Albums mit litauischen Buchillustrationen aus den Vilniuser Druckereien des 16.-17. Jahrhunderts sowie die Einrichtung einer Dauerausstellung zur Geschichte des Buches in der Litauischen Martynas-Maþvydas-Nationalbibliothek in Vilnius. Geplant ist auch eine internationale Triennale der Buchkunst.

 

ANMERKUNGEN

  1. Þukas, Saulius: The First Lithuanian Book and its Cultural Context. Martinus Masvidus Catechismus, 1547. Transl. by Dalija Tekorienë. Vilnius, 1995, 27 S.
  2. Schwenke, Paul: Hans Weinreich und die Anfänge des Buchdrucks in Königsberg. – In: Altpreußische Monatsschrift 33 (1896), S. 67–109.
  3. Martin Luther und die Reformation in Ostpreußen. Gedenkschrift zum 450. Todestag Martin Luthers, hrsg. v. Georg Michels. Deethem 1996, 72 S.
  4. Programm der Veranstaltungen zum 450. Jahrestag der Herausgabe des ersten litauischen Buches von Martynas Maþvydas. Lampertheim 1996, 28 S.

 

MARGINALIEN , 143. HEFT (3, 1996) ZEITSCHRIFT für BUCHKUNST und BIBLIOPHILIE HERAUSGEGEBEN von Der PIRCKHEIMER-GESELLSCHAFT IM HARRASSOWITZ VERLAG WIESBADEN


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