Daiva NARBUTIENË
KATECHISMUS VON JAN SEKLUCJAN IN LITAUEN
Im Sommer 1997 hat die Bibliothekarin der Abteilung der raren Ausgaben der Bibliothek
der Akademie der Wissenschaften Litauens ein sehr altes und bedeutungsvolles Buch, den von
Jan Seklucjan vorbereiteten Katechismus in polnischer Sprache Katechismu text
prosti dla prostego ludu [1] gefunden, als sie die
Bücher des Reservebestandes geordnet hatte. Dieses 16-seitige Büchlein, das ein kleines
Format aufweist,
"steckt" in einem Konvolut unter fünf später erschienenen Ausgaben, die in der
ersten Hälfte unseres Jahrhunderts zu einer gebunden wurden. Davon zeugt die ziemlich
einfache Technik des Einbindens und der Buchdeckel aus Marmorpapier. Die Neuigkeit über den Fund hat D. Baniulienë in der Tageszeitung
"Lietuvos aidas" am 20. August 1997 veröffentlicht sowie in der Zeitschrift
"Aus der Welt der Bücher" [2]. Die Information wurde
im Fernsehen bekanntgegeben.
Der vom Verfasser polnischer Schriften und Herausgeber protestantischer Literatur, Jan Seklucjan (um 1510-1578), vorbereitete Katechismus erschien tatsächlich Ende 1544, obwohl im Titelblatt des Buches 1545 angegeben ist. Dieses Buch ist nicht nur für die Geschichte des polnischen Schrifttums wichtig, sondern auch für den litauischen Buchdruck. Der norwegische Wissenschaftler der Bücherkunde, Ch. Stang, hat festgestellt, dass eine der wichtigsten Quellen des ersten litauischen Buches nämlich dieser Katechismus von J. Seklucjan ist [3]. 1547 hat das erste litauische Buch - Chatechismusa prasty szadei, makslas skaitima raschta yr giesmes... in derselben H. Weinreich - Druckerei das Licht der Welt erblickt. Der Autor dieses Lehrbuches in litauischer Sprache ist Martynas Maþvydas (um 1510 – 1563). Der litauische Priester M. Maþvydas benutzte beim Schreiben eines der Teile seines Buches - des "Katechismus" - auch den polnischen Katechismus (1546) eines Konkurrenten von J. Seklucjan, von Jan Malecki.
J. Seklucjan ist in Bydgoszcz geboren, 1536-1538 studierte er an der Universität Leipzig, dann predigte er in Poznan und, 1543 kam er in Königsberg an, wo er unter der Unterstützung des Herzogs Albrecht von Brandenburg eine aktive verlegerische Tätigkeit in polnischer Sprache beginnt: Er erarbeitet und gibt heraus die ersten protestantischen Werke in polnischer Sprache: ein Gesangbuch (1547), das Neue Testament (1551-1553), eine Postille (1556). Den Lebenslauf des Autors und Verfassers J. Seklucjan bilden 27 Einträge [4]. In Königsberg lernt er die Vertreter des litauischen Schrifttums Abraomas Kulvietis und Stanislovas Rapolionis kennen. Der letzte hat besonders die wissenschaftliche Arbeit von J. Seklucjan unterstützt. In seinem Brief vom 4. Januar 1545 an den Doktor der Theologie, den Bischof in Pamedë, Paulius Speratas, zeigte Stanislovas Rapolionis deutlich seine freundliche Einstellung gegenüber dem Autor des polnischen Katechismus: si quis ausus fierit Seclutiani catechismum calumniari, ego, quantum possum, defensurus sum, quod sciam illum hominem propriis sumptibus, tamen tantum, ut prosit suis, laborare (falls jemand den Katechismus von Seklucjan zu verleumden wagt, ich werde ihn verteidigen, soviel ich es vermag, weil ich weiß, dass sich dieser Mensch nur auf seine Kosten betätigt und er nur den Seinen helfen will) [5].
Der Katechismus von J. Seklucjan wurde in der Tat stark kritisiert wegen der Sprache und Stils des Textes. Für seinen heftigsten Kritiker und Konkurrenten wurde der andere Verfasser polnischer protestantischer Literatur, Jan Malecki, (um 1490-1567) gehalten, der Unterstützung vom schon erwähnten Bischof aus Pamedë, P. Speratas, bekommen hatte. Dieser hat ein Exemplar mit den in roter Tinte von J. Malecki gemachten Verbesserungen an S. Rapolionis geschickt [6], mit folgenden begleitenden Worten eines am 1. Mai 1545 geschriebenen Briefes: mitto hic una Seclutiani catechismum, adhibita lima quorundam Polonicorum nostrorum parochorum, quos vocat, et manus quidem mea est (anbei lege ich den Katechismus von Seklucjan mit den Verbesserungen mancher unserer Pfarrer, die diese Fehler beanstanden, manches ist auch mit meiner Hand gemacht)[7].
Der Erforscher des alten polnischen Schrifttums, Stanislaw Rospond, behauptet, dass das Exemplar des Katechismus aus dem Jahr 1545 von J. Seklucjan mit den J. Maleckis Verbesserungen vor dem Krieg im Preußischen Staatsarchiv in Königsberg war [8]. Dasselbe Exemplar wird auch von dem deutschen Wissenschftler Friedrich Wilhelm Neumann in seiner 1941 veröffentlichten Studie erwähnt. Doch gibt Letzterer auch die Aufbewahrungschiffre des Buches, Nr. 784 II, und den Umstand, dass der Katechismu text prosti in ein Konvolut zusammen mit anderen Büchern des 18. und 19. Jhs eingebunden ist, an [9].
In die Bibliothek der Akademie der Wissenschaften Litauens ist der Katechismus von J. Seklucjan während der nach dem zweiten Weltkrieg veranstalteten Forschungsreisen in das zerstörte Königsberg geraten, woher viele wertvolle Handschriften und Drucksachen stammen. In den letzten Jahren wurde der Reservebestand der Bibliothek aufmerksam überprüft und hat so eine angenehme Überraschung bereitet. Der polnische Katechismus ist zusammen mit zwei Exemplaren der Predigt bei dem wieder erneuerten Gottesdienst in der Lobnichtschen Pfarrkirche... (Königsberg, [1808]) von G. E. S. Hennig und mit dem vom denselben Autor vorbereiteten Buch Feier des ersten Januars 1801 in der Kirche zu Schmauch... (Elbing, [1801]) sowie mit zwei Büchern des 18. Jhs.: Vermehrtes Verzeichnis der Jubellehrer lateinischer Schulen... (Königsberg, 1782) und Ein Paar Anmerkungen über das Schreiben des ... D. Stark ... (Königsberg und Weymar, 1782) von G. Ch. Pisanski eingebunden worden. Auf dem Rücken des Konvoluts ist ein Teil eines Zettels mit den Zahlen 78, unten II, vorhanden. Man kann annehmen, dass der abgerissene Teil des Zettels mit der von F. W. Neumann angegebenen Zahl 4 versehen war. Außerdem: Die im Buch erhalten gebliebenen Stempel zeugen von derselben, von allen angegebenen Stelle der Aufbewahrung, des Preußischen Staatsarchivs in Königsberg. Die Jahrhunderte und die nicht besonders guten Bedingungen der Aufbewahrung haben leider dazu geführt, dass die von Hand gemachten Inschriften stark verblassten. Heute können wir über dem Titel SIMPLEX TEXTUS entziffern, dass auf Seite 14 in der oberen Zeile das gedruckte Wort iest weggestrichen und bædzie geschrieben wurde. Diese Verbesserungen werden auch von F. W. Neumann angegeben [10]. Doch von anderen zahlreichen Verbesserungen sind nur die kaum sichtbaren, von der Feuchtigkeit verlaufenen Tintenspuren geblieben.
Das Jubiläumsjahr des ersten litauischen Buches hat eine angenehme Überraschung bereitet, indem es jene unikale Ausgabe ans Licht gebracht hat, die für ein halbes Jahrhundert aus dem Gesichtskreis der Forscher des Schrifttums verschwunden war. Es ist nicht ausgeschlossen, dass in diesem Exemplar vor mehr als vierhundertfünfzig Jahren einer der Mitverfasser des ersten litauischen Buches - Stanislovas Rapolionis - geblättert hat.
Jetzt wird der Katechismus von J. Seklucjan in der Abteilung der raren Ausgaben der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften Litauens aufbewahrt (Chiffre der Aufbewahrung - L-16/61) und wartet auf seine Leser.
- Seklujan, Jan. Katechismu text prosti dla prostego ludu. – W Krolewczu, 1545. – [16] p.: frontisp.; 95 x 168 mm – Kn. gale: W Pruskim Krolewczu wycisniona w drukarni Jana Weynreicha.
- Baniulienë, Daiva. Surasta Maþvydo amþininko knyga (Es ist entdeckt das Buch eines Zeitgenossen von Maþvydas) // Tarp knygø (Unter den Büchern). – 1997. – Nr. 10. – P. 16 – 17.
- Stang, Christian. Die Sprache des litauischen Katechismus von Maþvydas. – Oslo, 1929. – P. 5–16.
- Seklujan, Jan. Wybor pism /Oprac. S. Rospond. – Olsztyn, 1979. – P. LXIII – LXVI.
- Stanislovas Rapolionis / Verfaßt von E. Ulèinaitë, J. Tumelis. – V., 1986. – P. 159 – 160 (vert. – P. 161).
- Seklujan, Jan. Wybor pism /Oprac. S. Rospond. – Olsztyn, 1979.– P. XIX – XX.
- Stanislovas Rapolionis /Verfasst von E. Ulèinaitë, J. Tumelis. – V., 1986. – P. 204 (vert. – P. 206).
- Seklujan, Jan. Wybor pism /Oprac. S. Rospond. – Olsztyn, 1979. – P. 29.
- Neumann, Friedrich Wilhelm. Studien zum polnischen frühreformatorischen Schrifttum. – T. 1 : Die Katechismen von 1545 und 1546 und die Polemik zwischen Seklucyan und Maletius. – Leipzig, 1941. – P. 7.
- Ibidem. – P. 10 – 18.
Daiva NARBUTIENË,
Leiterin der Abteilung der raren Ausgaben der
Bibliothek der Akademie der Wissenschaften LitauensHandschrift
Vilnius, 1997.10.24