GESCHICHTE UND SAGEN VON RAGNIT

Zum HauptinhaltZusätzliche InformationStichwortsuche


Ragnit (seit 1947 Neman) ist eine Stadt im Lande Königsberg (Kaliningrad), das jetzt von Russland regiert wird. Sie zählt 12.300 Einwohner (1976). Der Anfang der Stadt war ein hölzernes Schloss der Paskalven; die Kreuzritter haben es 1278 zerstört und 1289 neugebaut; es wurde 1365 vom Heer des Großfürstentums Litauen zerstört. 1397-1401 wurde ein Schloss aus Mauerwerk gebaut (seine erhalten gebliebenen Ruinen sind ein Architekturdenkmal). Ragnit war Zentrum der Komturei; daraus wurden die Heerfahrten (ca. 50) nach Litauen im 14. bis Anfang des 15. Jhs. veranstaltet. 1525-1944 war Ragnit Zentrum des Kreises.

1549-1563 hat Maþvydas in Ragnit gelebt (er arbeitete als Priester der Gemeinde, später wurde er zum Arkidiakon befördert), 1576-1600 lebte hier Simonas Vaiðnoras (er arbeitete als Pfarrer in Ragnit). Bei der Kirche wurde eine Schule gegründet, die später zur Schule der Stadt wurde. In Ragnit und besonders in ihrer Umgebungen lebten meistens Litauer. Mehr als die Hälfte von ihnen starben während der Pest und des Hungers 1709-1711. 1722 bekam Ragnit Stadtrecht. Laut den Angaben der Geistlichen von 1848 haben fast alle 5430 Einwohner litauisch gesprochen, und 1905 gab es nur 200 (4,1%) von 4900 Einwohnern der Stadt, die litauisch sprachen. Im 1882 gegründeten Lehrerseminar wurde bis 1902 litauisch unterrichtet. Die litauischen Schriften wurden meistens in der E.-Müge-Druckerei (1877-1880), später in der Alban- und Kibelka-Druckerei (1880-1884) gedruckt; die letzte wurde 1889 von Martynas Jankus und Kristupas Voska gekauft. Die Periodika wurden für Großlitauen 1883 “Auðra”("Morgenröte"), 1889 “Varpas”("Glocke"), 1890 “Ûkininkas”("Bauer"); für Kleinlitauen 1883 “Keleivis”("Fahrgast"), 1884-85 “Nemuno sargas”("Nemunas-Wächter"), 1884 “Lietuviðkas politiðkas laikraðtis”("Die litauische politische Zeitschrift"), 1889-1890 “Naujos þinios”("Die neuen Nachrichten") herausgegeben.


Auf dem 15 Meter hohen Südufer der Memel liegt die Stadt Ragnit. Der Deutsche Orden erbaute 1289 an der Stätte eine Preußenfeste, die er 1275 zerstört hatte, die Burg Landshut; sie wurde aber bald mit dem Namen der ehemaligen Feste Raganita benannt. Unterhalb von ihr wurde bei Paskalwen 1293 die Schalauerburg errichtet. Nachdem beide 1355 und 1365 zerstört worden waren, erbaute der Orden auf der jetzigen Burgstelle 1397-1409 das Ordenshaus Ragnit, einen quadratischen Backsteinbau mit Vorburg. Ragnit war eine der stärksten Festungen des Deutschen Ordens, Sitz eines Komturs, dem die Burgen in Tilsit und Labiau mit ihren Gebieten unterstanden. Von 1525 an war das Schloss Sitz eines Amtshauptmans. 1828 brannte es aus und wurde dann später beim Ausbau im Inneren völlig verändert. Trotzdem ist der geschlossene Baublock "noch heute von nüchtern großartiger Wirkung". Von der Vorburg ist nur der zierliche Uhrturm erhalten geblieben.

Im Schutze der Ordensburg bildete sich eine Marktsiedlung, die ihre Bedeutung der Lage an der großen Heerstraße verdankt, die über Insterburg nach Ragnit, in die Wildnis und nach Schamaiten führte. 1409 sollte die Burgsiedlung das Stadtrecht erhalten; der Plan zerschlug sich wegen des im folgenden Jahre ausgebrochenen Krieges. Der durch Handel und Verkehr aufblühende Ort wurde 1656 von den Tataren, 1678 von den Schweden zerstört. 1709-1711  forderte die Pest zahlreiche Opfer. Wiederaufbau und Wachstum waren hauptsächlich den eingewanderten Deutschen und Litauern zu danken. König Friedrich Wilhelm I. erhob Ragnit 1722 zur Stadt; sie behielt ihre Form mit einer Längsstraße parallel zur Memel, von der rippenförmig Querstraßen abgingen, auch nach dem Ausbau bei. 1757 brannten die Russen die Stadt teilweise nieder, 1764 machte ein schweres Gewitter den bescheidenen Wiederaufbau zunichte. 1807 wurde die Stadt von einer Feuersbrunst und Seuchen heimgesucht. 1818 wurde Ragnit Kreissitz, was es bis 1922 blieb.
1939 hatte die Stadt 10.094 Einwohner. Seit dem 22. Oktober 1944 liegt die Stadt im russisch besetzten Teil Ostpreußens.


In Altenkirch (Budwethen), nicht weit von Ragnit, verfasste der erste Pfarrer der Kirche, Theodor Lepner, eine Schrift über die Litauer. Der erste Geistliche in Breitenstein (Kraupischken), Augustin Jamund 1555-1563, übersetzte das Neue Testament ins Litauische. Der dortige Schlossberg galt den Litauern lange Zeit als heiliger Berg. In der bis 1578 in Dreifurt (Galbrasten) bestehenden Mühle unterhielten die Ordensritter ein Hauptmagazin für ihre Heerzüge gegen die Litauer.

Auszug aus: Ostpreußen in 1440 Bildern. Herausgegeben von Gerhard Ulrich / V. Gerhard Rautenberg. Leer, 1987, 53-54 S.

 

Das fischreiche Schloss bei Ragnit

Nicht weit von der Stadt Ragnit an der Memel hat vor Zeiten ein Schloss gestanden, welches sehr fest war und von den heidnischen Preußen als der letzte Zufluchtsort gegen die benachbarten Russen gehalten wurde. Viele Jahre vor Ankunft des Deutschen Ordens hatten einst die Russen mit großem Volk einen Überfall in Preußen gemacht; sie hatten die Preußen geschlagen und in dieses Schloss zurückgetrieben. Sie belagerten es nun neun Jahre lang und hatten es so fest eingeschlossen, dass keine Maus, geschweige denn ein Mensch, heraus oder hinein konnte. Dennoch konnten sie es auf keine Weise erobern. Da gingen sie endlich an die Mauer heran und fragten die Preußen, wovon diese denn die ganzen neun Jahre über gelebt hätten. Es wurde ihnen geantwortet, es wäre ein Teich im Schloss, der wäre so fischreich, dass die Belagerten alle sich davon ernähren könnten. Darauf sahen die Russen ein, dass sie nichts ausrichten können, und sie hoben die Belagerung auf und zogen ab.

Der Teich ist noch unweit von Ragnit, aber es sind keine Fische mehr darin, sondern nur Frösche und Kröten, und die Litauer sagen: das sei so, seitdem bloß Christen im Lande wären.

Auszug aus: Ostpreußische Sagen. Herausgegeben von Christa Hinye und Ulf Diederichs. 3. Aufl., München: Diederichs, 1991.


Zum HauptinhaltZusätzliche InformationStichwortsuche