Justinas MARCINKEVIÈIUS

DIE REDE ZUR EINWEIHUNG DES MAÞVYDAS - DENKMALS IN KLAIPËDA

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Das Jubiläumsjahr des litauischen Buches ist noch nicht zu Ende, und Maþvydas ist schon, kann man sagen, durch ganz Litauen gegangen. Sein Reisesäckchen erschien unerschöpflich, weil es nicht kurzlebigen, minderwertigen Flitter enthält, sondern die größten Grundwerke des Volkes: die Sprache und die Schrift. Die Werke, die im Laufe der Jahrhunderte geschaffen wurden, haben uns erzogen, vereinigt, beschützt und verteidigt und wurden zusammen mit uns verfolgt. Es gibt kaum ein Volk in Europa, dessen Schrift und Sprache soviel für sein Land und seine Menschen bedeuteten wie unsere Sprache und unsere Schrift. Die Schrift nämlich, d.h. das Buch, hat das Volk und den Menschen im Volke geschaffen, es hat tätig am Aufbau des Staates und an der Festigung der Demokratie teilgenommen (und nimmt teil). Hier ist es, wovor wir uns tief verbeugen sollen dafür, dass wir noch da sind und dass wir noch Litauer sind, hier ist es, was wir mit täglicher Fürsorge umhüllen müssen, mit Liebe und Treue. Vielleicht würde Maþvydas unsere feierliche Stimmung nicht trüben, wenn er heute eine Predigt halten würde und uns auf die leichtsinnige, manchmal verbrecherische Räumung und den Verkauf der Mutter- (und zur Zeit auch Amts-) Sprache in Werbung, in Schaufenstern sowie in verschiedenen öffentlichen Aufschriften in fremden Sprachen hinwiese. Wohl würde auch selbst Maþvydas, ein großer, gelehrter Mann, der litauisch, lateinisch, polnisch, deutsch gesprochen und geschrieben hatte, kanzleislawisch und vermutlich griechisch gelesen hatte, wohl würde auch er heute in den von der Fremdsprache belagerten Städten umherirren. Sogar seinen eigenen Namen würde er im Internet nicht zu entziffern vermögen. Wollen wir ihm, Maþvydas, helfen mit der Pflege der eigenen Sprache und der eigenen Schrift. Genau so hat er uns vor 450 Jahren geholfen. Der Name des Vaters der litauischen Schrift sollte dem internationalen Gebrauch litauisch vorgelegt werden.

Im zweiten Teil seiner Predigt würde Maþvydas, beim Blick auf unsere heutige soziale, politische und Lebenswirklichkeit, sagen, dass er zornig sei auf die Metastasen des Ärgers, der Habsucht und der andersartigen Zersplitterung der Gesellschaft. "Hei weðpatis wisaky, ant þmaniu susimilkiet" ("O Götter, verschiedene, erbarmt euch der Menschen") würde er mit den Worten seines Buches rufen. Wie ein Apostel würde er die Liebe, das Gute, das gegenseitige Verständnis erheben, er würde sein Buch aufschlagen und vorlesen:  "Bo kursai mil kita, zakana iðpilde" ("weil, wer den anderen liebt, hat das Gebot erfüllt"). Schon 450 Jahre wiederholt er die einfachen Worte seines Katechismus "Malane artimam pikta nedara" ("Gnade den Nahen macht nichts böses"). Wollen wir sie lernen, wollen wir versuchen, ihnen gemäß zu leben, würde Maþvydas zum Abschluss seiner heutigen Predigt sagen.

Was bleibt für uns? Für uns bleibt, die verbindende, vereinigende Kraft seines Buches zu betonen und den allgemeinnationalen, allen gehörenden Wert zu begreifen und zu veranschaulichen. Gott sei Dank, dass wir das Schloß Trakai oder den Gediminas-Berg noch nicht verteilen, dass wir den Nemunas-Fluss, den Puntukas-Stein oder den "Katechismus" von  Maþvydas noch nicht privatisieren, dass wir alle reich an diesen Symbolen sind, dass sie uns miteinander umzugehen, zu verstehen und vielleicht sogar einander zu lieben beginnen helfen; das erste unsere Buch kommt doch aus Liebe, aus den geistigen Bemühungen des Menschen, aus seinem Suchen, Streben und Aufhellen des menschlichen Geistes. Es entstammt unserer Geschichte und unserer Sprache, aus unseren Bräuchen und aus unserem Glauben, aus der christlichen Tradition. Wir alle sind das Haus unseres Buches, und von uns hängt es ab, wo wir es hinlegen werden: in eine Ecke werfen oder ehrenvoll an den Tisch setzen. Dem litauischen Originalbuch ist es zur Zeit nicht leicht, es ist in eine Ware verwandelt, und von dem Ladentisch wird es durch die frecheren, aggressiveren, entblößten Bücher verdrängt. Entblößt in Gewalt, Nötigung, Sex, physische und geistige Perversion. Heute gedeiht das Buch ohne die jeglichen Wertorientierung. Es bleibt nur zu sagen: Wie wir sind, so sind auch unsere Bücher; wie unsere Bücher sind, so sind auch wir.

Und doch hat Maþvydas - der größte Ritter unserer Schrift - ganz Litauen durchschritten, kam heute an die Ostsee heran, überblickte diese unübersehbare Macht des Gottes und steht hier gleichsam als Leuchtturm für das Litauertum und den Glauben, für das Gute und die Liebe, für das gegenseitige Verständnis und die Menschlichkeit. Hier, wie Sie sehen, schlug er sein Buch auf und aus der Seite 58 las er diese Worte des Gesanges vor:

Nog nepagadu ijr weiu
Saugak sànèius (t.y. esanèius) ant wandeniu.

(Vor Unwetter und Wind
hüte die auf dem Wasser Seienden (die sich befindenden))

Es ist wunderbar, dass das unser erstes Buch mit seiner geistigen Sorge nicht nur die Erde, sondern auch das Meer umfasste, sowie diejenigen, die auf seinem Wasser arbeiten:

Saugak sànèius ant wandeniu.
(Hüte die auf dem Wasser Seienden)

Wo, wenn nicht in Klaipëda, schickt es sich mehr, diese Worte auszusprechen oder vorzusingen?

Und Maþvydas macht es auch.

Wollen wir mit ihm einstimmen.

Justinas Marcinkevicius.

KLAIPËDA, 02.09.1997


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