PROGRAMM der Veranstaltungen zum 450. Jahrestag der Herausgabe des ersten litauischen Buches DAS ERSTE LITAUISCHE BUCH"Das, was einmal gedruckt, gehört der ganzen Welt für alle Zeiten", sagte einer der bedeutendsten Vertreter der europäischen Aufklärung, G. E. Lessing. Man könnte hinzufügen: das gedruckte Wort bereichert aber hundertfach das Volk und den Staat, in dem es entstanden ist. Die Litauer mussten auf das Erscheinen des ersten Buches in ihrer Muttersprache noch ein ganzes Jahrhundert nach der Erfindung der Buchdruckkunst durch Gutenberg warten, obwohl sie schon längst darauf vorbereitet waren. Der große feudale Staat hatte schon im 13. - 15. Jahrhundert Traditionen einer Schriftkultur entwickelt und ein umfangreiches Schrifttum angesammelt: ein in lateinischer, deutscher, ruthenischer und polnischer Sprache angelegtes Staatsarchiv - Litauische Metrik, eine Gesetzsammlung - das Litauische Statut, Jahrbücher, religiöse Ritualbücher, einige litauische Texte zur Einführung in die Lehre des Christentums sowie zu seiner Festigung. Die Nachfrage nach gedruckten Texten war am Ende des 15. Jahrhunderts so groß, dass man sie außer Landes herauszugeben begann, eben in den Ländern, die bereits über Druckereien verfügten. Günstige Voraussetzungen für die Verbreitung gedruckter Bücher entstanden insbesondere durch die von humanistischen Ideen durchdrungene Reformationsbewegung. Sie hat das litauische kulturelle und gesellschaftliche Leben beflügelt, hat Raum geschaffen für eine christliche Liberalität und die freie Auseinandersetzung der beiden wichtigsten Konfessionen - der katholischen und der protestantischen, hat Litauen Westeuropa nähergebracht. Auf der protestantischen Seite entstanden und reiften kulturelle Initiativen, wuchsen die Schicht der litauischen Intelligenz und die Zahl der Schriften in litauischer Sprache schneller. Dieses bemerkte auch der Herrscher des jungen Nachbarstaates, Albrecht von Brandenburg. Nachdem er in den Gebieten der unterworfenen Preußen und Westlitauer das Herzogtum Preußen gegründet und den Protestantismus angenommen hatte, versuchte er seinen Einfluss in Osteuropa zu mehren, indem er in der Hauptstadt Königsberg (lit. Karaliauèius, seit 1946 russ. Kaliningrad) Druckereien und eine Universität gründete und die Beziehungen zu den Reformationsbewegungen in den Nachbarstaaten festigte. Während seiner Besuche in Vilnius verkehrte der preußische Herzog bei führenden Vertretern der protestantischen Bewegung, er lud die besten, an westeuropäischen Universitäten ausgebildeten Wissenschaftler und begabte studierwillige Jugendliche zu sich nach Königsberg ein. Die Absichten des Herrschers gingen in Erfüllung. Die wichtigsten Lehrstühle der Königsberger Universität wurden mit Abraomas Kulvietis (lat. Abraham Culvensis) und Stanislovas Rapolionis (lat. Stanislaus Rapagelanus), den bedeutendsten litauischen Vertretern der humanistischen Kultur der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts besetzt. Um Theologie zu studieren, fand sich eine ansehnliche Zahl von litauischen Jugendlichen ein, die bald den protestantischen Kirchengemeinden sowohl in Preußen als auch in Litauen vorstehen sollten. Um die religiösen Bedürfnisse seines Vielvölkerstaates (dort lebten Preußen, Litauer, Deutsche, Polen) und die der Nachbarländer zu befriedigen, ließ der Herzog Bücher drucken. Das erste Buch in deutscher Sprache erschien in Königsberg im Jahre 1524, in polnischer Sprache 1543, in preußischer Sprache 1545. Es besteht kein Zweifel daran, dass geplant war, auch ein Buch in litauischer Sprache herauszugeben und dass dieses Buch höchstwahrscheinlich von Kulvietis und Rapolionis vorbereitet wurde. Doch es geschah etwas Unvorhergesehenes, das diese Pläne verzögerte: Im Jahre 1545 starben, einer nach dem anderen, beide litauische Gelehrte. Der Herzog musste neue Herausgeber suchen. Seine Wahl fiel auf Martynas Maþvydas. Sie erfolgte nicht zufällig. Maþvydas (seinen Namen schrieb er sowohl litauisch als auch in der lateinischen Form - Martinus Masvidius oder Mosvidius) ist eine Persönlichkeit im litauischen Schrifttum des 16. Jahrhunderts, die seitens der Forschung die meiste Beachtung erfahren hat. Ungeachtet dessen liegt die erste Hälfte seines Lebens fast völlig im Dunkeln. Maþvydas muss hochgebildet gewesen sein, neben seiner Muttersprache beherrschte er Latein, Polnisch, die ruthenische Kanzleisprache und wahrscheinlich Griechisch. Seine Studien betrieb er vermutlich am Kolleg in Vilnius und an den Höfen der litauischen Fürsten, denn bisher ist der Name Maþvydas in keinem Immatrikulationsverzeichnis einer westeuropäischen Universität gefunden worden. Offensichtlich beteiligte er sich aktiv an den Disputen zwischen den Protestanten und Katholiken und wurde deswegen verfolgt. Aus diesem Grund versah er seinen Namen mit dem lateinischen Zusatz "Protomartyr", d.h. "der erste Märtyrer". Herzog Albrecht wurde während eines seiner Aufenthalte in Vilnius mit Maþvydas bekannt, und kurz danach schickte er ihm einen Brief mit der Einladung, nach Preußen zu kommen. Maþvydas nahm die Einladung an und traf am 1. August 1546 in Königsberg ein. Von diesem Zeitpunkt an wissen wir mehr über sein Leben. Maþvydas war der erste litauische Student der Königsberger Universität. Unter seinen Freunden befanden sich Personen unterschiedlicher Nationalität, so beispielsweise der künftige Bischof des finnischen Viipuri, Paul Juusten, der später den finnischen Katechismus und andere Werke verfasste. Maþvydas war arm, lebte von einem Stipendium des Herzogs, studierte eifrig und legte sich eine persönliche Bibliothek an. Bis in unsere Zeit sind Bücher mit einer lateinischen Inschrift erhalten: "M. Mossuid sibi et suis comparavit" (M. Maþvydas, für sich und die Seinen erworben). Wegen außerordentlich guter Leistungen wurde die Studienzeit von Maþvydas verkürzt. Er schloss sie nach eineinhalb Jahren mit dem Bakkalaureat der Theologie ab. Aber nicht das Studium war die Hauptaufgabe des herzöglichen Schützlings. Er sollte möglichst schnell einen Katechismus in litauischer Sprache vorbereiten, der sehnlichst erwartet wurde, um die Evangelisation voranzutreiben. Die Erwartungen des Herzogs wurden nicht enttäuscht. Der litauische Katechismus konnte 1547 erscheinen. Damit wurde die erste Phase der Sicherstellung der Grundversorgung der preußischen und litauischen Protestanten mit christlicher Literatur abgeschlossen. Danach übernahm Maþvydas eine Pastorenstelle in der litauischen protestantischen Kirchengemeinde Ragnit, direkt an der Grenze zu seiner Heimat und verbrachte hier sein restliches Leben. In seiner Amtsausübung als Pastor war er prinzipientreu und pflichtbewusst, er stemmte sich eifrig gegen die Gleichgültigkeit des einfachen Volkes gegenüber der neuen lutherischen Lehre, verstand aber ihre ärmliche materielle und geistige Lage und suchte sie zu verbessern. Maþvydas schrieb einige weitere Werke, die zum Teil gedruckt wurden, zum Teil uns als Handschriften erhalten geblieben sind. Erhalten sind auch viele seiner Briefe, die von einem nicht geringen schriftstellerischen Talent des Autors zeugen. Maþvydas ist im Jahre 1563 gestorben. Ins Grab mitgenommen hat er die Trauer darum, dass viele Arbeiten und Verpflichtungen seinem Volke gegenüber nicht vollendet werden konnten. Der große Schriftgelehrte wurde in seiner Kirche oder dicht neben ihr beigesetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus Ragnit das russische Neman, und die Kirche Maþvydas' geriet in Vergessenheit. Heute erinnert nicht der geringste Hinweis, nicht der kleinste Grabstein an die hier ruhenden leiblichen Überreste des bedeutendsten litauischen Schriftgelehrten des 16. Jahrhunderts. Wenn der Zweite Weltkrieg die Grenzen Osteuropas auch entscheidend verändert hat und Ostpreußen von der Landkarte gänzlich getilgt wurde, bleiben das Werk und der Name von Maþvydas unvergessen. Ihn kennt jeder Litauer. An seinen Namen erinnert und macht ihn immer bedeutsamer sein Katechismus, das erste gedruckte litauische Buch. Es wurde zu einem Meilenstein der litauischen Kultur, zu einem Ereignis welches der Entwicklung des litauischen Geisteslebens und seines Eintritts in die Welt die Tür geöffnet hat. Das 1547 gedruckte Buch erschien keineswegs verspätet. Es lag durchaus im Zuge der Zeit und fügte sich organisch in die Reihe der kulturellen Errungenschaften anderer, unter ähnlichen Bedingungen lebenden Völker ein: Das erste Buch auf Weißrussisch erschien 1522, auf Lettisch 1525, auf Jiddisch 1530, auf Estnisch 1535, auf Finnisch 1543, auf Preußisch 1545, auf Walisisch 1546, auf Russisch etwa 1553, auf Sorbisch 1574. Andererseits hatte das litauische Buch nicht gering zu schätzende Vorzüge. Es war gegenüber den anderen eigenständiger (es enthielt keine parallelen Texte in anderen Sprachen) und universeller. Der Inhalt des ersten litauischen Buches ist sehr mannigfaltig, er entspricht weder nur seinem etwas langen Titel "Katekizmo prasti þodþiai, mokslas skaitymo raðto ir giesmes. . . " "Die einfachen Worte des Katechismus, die Lehre vom Lesen, der Schrift und Lieder. . ." , noch lediglich den üblichen Bestimmungen eines Katechismus. Das Werk enthält sechs selbständige Teile, von denen einige auch als eigenständige Druckerzeugnisse hätten erscheinen können: (1) Eine kurze gereimte Widmung des Autors an seine Heimat, das Großfürstentum Litauen und (2) eine Anrede an die Geistlichkeit. (Diese beiden Teile sind in lateinischer Sprache verfaßt); (3) ein in Versform verfasstes Vorwort weltlichen Inhalts, (4) eine litauische Fibel, (5) den Katechismus (er macht nur ein Viertel des ganzen Buches aus) und (6) die erste litauische Liedersammlung mit Noten. In allen diesen Werken kommt eine eigene Sicht des realen und des geistigen Weltbildes des Autors zum Ausdruck. Die lateinische Widmung und die Anrede, die sich offenkundig an den Priesterstand richtet, kritisiert taktvoll die Kirchen, die die Verwendung der Volkssprache in der Liturgie ablehnten, wirbt dafür, dass die im ersten litauischen Buch dargelegten Lehren des Protestantismus vernünftig umgesetzt werden sollten und verspricht, wenn das auf allgemeine Zustimmung stoßen sollte, ein umfassenderes und vollkommeneres Werk vorzulegen. Das in litauischer Sprache verfasste Vorwort von Maþvydas bezeichnet den Anfang der schöngeistigen Literatur Litauens und ist auch für die litauische Kulturgeschichte von Bedeutung. In diesem Vorwort wird zum ersten Mal der Begriff "Buch" erwähnt und unter Verwendung des Stilmittels der Personifikation wird mit seinen Lippen die Lage des Schriftums in der Muttersprache gekennzeichnet:
Der andere Teil des Buches ist zusammengestellt aus überlieferten Erzählungen und Übersetzungen. Die Fibel ist in Anlehnung an das lateinische Lehrbuch von Georg Sauroman verfasst, ihr Hauptteil besteht, gemäß den Forderungen der mittelalterlichen Pädagogik, aus Übungen des Silbenlesens. Bei der Abfassung seines Katechismus stützte sich Maþvydas auf die in Königsberg erschienenen polnischen und anderen Katechismen. Den Inhalt gliederte er entsprechend der lutherischen Tradition. Das Gesangbuch zeugt von Sprach- und Einfallsreichtum seines Verfassers. Doch es ist nicht allein sein Werk. Maþvydas übersetzte die Kirchenlieder allerdings selbst, er fand sie aber in den Nachlässen seiner Zeitgenossen und in denen der Begründer des litauischen Schriftums vor. Jeder Vers wurde redigiert, die Sprache vereinheitlicht. Aufgrund des Aufbaus und des Inhalts des ersten litauischen Buches kann man es als ein Lehrbuch bezeichnen, ein Lehrbuch der Grundlagen des Schreibens, der Religion und der sittlichen Normen. So gesehen, ist es den in Westeuropa zu jener Zeit verbreiteten Religionsbüchern sehr ähnlich, bei deren Ausgestaltung die damals neuesten Erkenntnisse der Schrifttechnik, der Malkunst und der Pädagogik verwendet wurden. Der Schicksalsweg des ersten litauischen Buches ist verschlungen. Der Katechismus war für die beiden Teile Litauens - auf der einen und auf der anderen Seite des Flusses Nemunas - gedacht, der Weg zu seiner Bestimmung war aber sehr beschwerlich. Hindernisse entstanden sowohl aus dem Mangel an gebildeten Menschen als auch aus der Konfrontation der beiden Konfessionen, Protestantismus - Katholizismus. Der Teil der Auflage, der nicht vertrieben werden konnte, wurde zunächst in der Schlossbibliothek Königsberg gelagert, später bei Königsberger und Berliner Versteigerungen oder in Antiquariaten verkauft. Bis in unsere Zeit sind, soweit bekannt, nur zwei Exemplare des Katechismus erhalten: das eine besitzt die Universitätsbibliothek Vilnius, das andere, ehemals im Besitz des preußischen Königshofes von Friedrich Wilhelm, die Universitätsbibliothek Torun'. Im Blickpunkt der Forschung steht das erste litauische Buch schon an die zweihundert Jahre. Es ist einige Male in Deutschland, den USA und Litauen wiederaufgelegt worden. Es wurde im Interesse der Literatur, der Sprache, der Druckkunst und der Musikalität untersucht. Und das sehr umfangreiche Namensverzeichnis der internationalen Wissenschaftler, die sich mit Maþvydas und seinem Werk beschäftigt haben, enthält so bekannte Namen wie die des Deutschen A. Bezzenberger, des Amerikaners G. B. Ford, des Norwegers Chr. Stang, des Schweizers A. Senn, des Tschechen L. Geitler, des Russen M. Peterson, des Polen J. Safarewicz. Für die Litauer ist das erste litauische Buch nicht nur ein Objekt der Forschung. Es gehört zu den nationalen Besitztümern, den größten geistigen und materiellen Werten, die das Litauen genannte Fleckchen Erde besitzt. Angesichts des Herannahens der 450-Jahr-Feier des Erscheinens dieses ersten litauischen Buches wäre es angebracht, die Stelle im ehemaligen Königsberg, an der die Druckerei Hans Weynreich stand, zu kennzeichnen. Es war eben jene Druckerei, die das erste litauische und das erste preußische Buch druckte. Ebenso sollte eine Gedenktafel an der Kirche angebracht werden, zwischen deren Gewölben oder vor der die Gebeine des M. Maþvydas ruhen. Bedauerlich ist nur, dass unsere Gefühle und Wünsche in dem Lande, das den Namen Preußen in Russland umbenannte und damit seine tausendjährige Geschichte auslöschte, unverstanden bleiben. Vielleicht könnten die deutschen Freunde des Buches und der Wissenschaft hier eine Vermittlerrolle übernehmen, damit ein Gespräch in Gang gesetzt wird. Maþvydas und das erste litauische Buch verdienen diesen Einsatz, weil wir ihnen, um mit Lessing zu sprechen, einiges schuldig sind für ihr redliches Bemühen, das kulturelle Welterbe zu bereichern. DIE WICHTIGSTEN QUELLEN- UND LITERATURANGABEN
Prof. Domas KAUNAS |