1547 1997

Vytautas LANDSBERGIS

Die Rede während des festlichen Aktes zur 450-Jahr-Feier des Ersten litauischen Buches

Opern- und Baletttheater, Vilnius, der 8. Januar 1997

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Das 450-jährige Jubiläum des ersten litauischen Buches gibt die Gelegenheit uns an die bedeutungsvollen Ausgaben und schönen Veranstaltungen zu freuen und zugleich die Gelegenheit sich zu sammeln und nachzudenken. Was bedeutet das Buch für das Volk, für den Staat, für die multinationale Zivilisation der Menschheit? Was hat das erste Buch für unser Volk bedeutet - auch dadurch, daß es litauisch - fast das ganze nur in der litauischen Sprache - war, und was es nach seinem wunderbaren vielfältigen Inhalt bedeutet hat?

Jedes beliebige Buch ist eine geschaffene Neuerung und zugleich auch Anhäufung und Widerspiegelung der schon davor gewesenen Dinge. In Büchern wird das Wissen und Weisheit der Gemeinschaft der Menschen angehäuft und übergeben. Das Buch wird zu dem Schrifttum des Volkes und zu der Fortsetzung des Geistes, und hier ist wieder Veranlassung dem neuen Schaffen sich kund zu tun.

Martynas Maþvydas begriff die Besonderheit seiner Arbeit, sogar auch die nationale kulturelle Bedeutung:  das litauische Buch erscheint! Nach dem abschließen des Katechismus fügt er als post scriptum "Skaitytojop" ("Zu den Leser") hinzu:

“Brolau mielasis, skaitydams tatai þinosi,
Jog tasai lieþuvis dabar reiðkiasi”.

"Bruder liebe, beim Lesen dessen wirst wissen,
Daß sich diese Zunge jetzt äußert"

Und in der Einführung in Versen wird es freudenreich verkündet:

“Ko tëvai niekada neregëjo,
Nûn ðitai viss jûsump atëjo!”

Was unsere Eltern nie gesehen haben,
Kam nun dies alles zu euch!"

Desto mehr begriff er den beiderseitigen Wert des Buches: den nach dem veröffentlichten Inhalt und den nach der ihm gegebenen Gestalt. Hier ist die Lehre Christi und meine Arbeit, sagt Martynas Maþvydas direckt am Ende des Katechismus - des Hauptteiles des Buches. Das ist seine Ermahnung den Lesern, auch im Namen Jesus Cristus:

"Ich bitte euch, Lietuvininkai und Schamaiten, liebe Brüder und Schwester, ...damit ihr diese kurze lehre erlernet, ... und diese meine Arbeit und Mühe als gut annehmet, bitte."

Maþvydas sollte wirklich stolz auf seine gut bedachte, folgerichtige Arbeit des Autors und des Verfassers gewesen sein. Wollen wir hinsehen und wir werden vieles verstehen. Sein Buch ist systematisch, man kann sagen, in vier Teilen. Der einführende problematische Teil - über die Bestimmung der Arbeit ist die Widmung dem Großfürstentum Litauen, lateinische Veranlassung und Erklärung für die litauischen Geistlichen und die berühmte litauische Einführung in Versen für die Leser, als ob die Rede "des Büchleins selbst zu Lietuvininkai und zu Schamaiten".

Danach folgt wirklich die kurze, oder wie Maþvydas sagt "billige und kurze Lehre zu lesen und zu schreiben"; insgesammt vier Seiten, und es ist " Schluß dieser Lehre". Diese Fibel besteht aus Alphabet, Erklärung der "Vokale, Zwielaute und Konsonanten", Silbenbildung und der abschließenden didaktischen Warnung: "Der weise Lehrer möge den Jungen mit der Silabisatur nicht mehr beschweren, Doch soll er möglichst bald zu lesen lehren."

Woraus lehren? - als ob würde an dieser Stelle solche einfache Frage gebühren.

Ohne Zweifel, aus Lektüre. Das auch ist, als wir die nächste Seite aufschlagen, die einfachen Worte des Katechismus für einfache Leute und besonders "für die Söhne und Familie der Ackerbauer".

So einfach ist es. Ohne lesen gelernt zu haben, kann man Katechismus nicht lesen. Doch indem man auf diese Weise lesen lernt, so liest man schon Katechismus. So legt man die Vokale zu den Konsonanten und beherrscht man die beiden Lehren: die irdische und die Himmlische.

Hier der wichtigste, der hauptsächliche Teil des Buches. Er umfaßt zehn Gebote Gottes, Credo, Gebet des Herrgotts - Vater unser, Sakramenten und der fünfte Abschnitt des Katechismus "über den Gebot der Pflichten, das heißt, über Leben des jeden Menschen, wie er in seinem Stand nach dem Willen Gottes" leben soll. Das sind Bestimmungen oder "Verpflichtungen" der Herrschaft, den Ackerbauern, und den Dienern, den Männern, den Frauen, und den Kindern, womit sie gegeneinander verbindlich sind.

Weiter folgt das Gesangbuch mit den Noten und mit den schönen Erklärungen von Maþvydas, wie nämlich die, wo er endlich auch die Sprache, in welcher das Buch geschrieben ist, mit dem Namen benennt: " Patrem soll man litauisch nach der Note singen, wie man deutsch  'Wir glauben all an einen Got' singt. Ich bin nicht faul gewesen für die Kirchendiener die Note selbst zu legen ." Also noch 11 Gesänge, fast alle mit Noten.

Die Arbeit von Maþvydas besteht aus einigen Arbeiten, und wird bescheiden Büchlein genannt, das sich selbst in der Einführung in Versen vorstellt. Doch auch im Titelblatt hebt er das Wort Katechismus hervor, und dasselbe sehen wir, als er in der verlägerischen Metrik Singular und Maskulinum gebraucht: "ausgedruckter" in Königsberg bei Johan Weinreich. Nicht das Buch oder Büchlein, sondern Katechismus war "ausgedruckt" vor 450 Jahren in Königsberg.

In dieser Metrik - im ersten gedruckten litauischen Text ist auch die alte litauische Benennung der Stadt bescheinigt. Die Preußische Sprache war noch lebendig, aber die alte preußische Benennung der Stadt Tvanksta gebrauchte wohl schon niemand.

Sehr viel besonders teueren für das litauisch Schrifttum Inhalts ist es in der Einführung in Versen angesammelt. "Nehmet mich und leset, und dies lesend erfasset" - das ist doch der Wunsch, Erwartung und Anflehen jedes Buches. Die Bestimmung Buches ist hoch, doch besonders dessen, das sich verkündet: "So gehe das Wort des himmlischen Reiches zu euch".

Die Väter trachteten diese Lehre zu besitzen, sagt Maþvydas mit den Lippen des Büchleins -  doch konnten sie auf keine Weise bekommen. Jetzt gibt es diese Weise - eure eigene Sprache, unsere Sprache, nur nehmt und lest!

Lest die in der Dunkelheit Gelassenen, die Nicht-Belehrten, die allerleie Teufelheiten unt Feen Anerkennenden, wie auch dieser von Maþvydas zitierte Landsmann, der dem Priester schroff antwortet: es sei ihm besser mit der heiligen Zauberin den Hahn zu essen, als die Einladung der Kirchdiener in die Kirche zu höhren... 

Wegen der Ernte haben sich die Landsleute an die Þempaèiai und Lauksargiai gewendet, wegen der Gesundheit, fast ebenso wie heute - an die Erdgeister. Für die Gesundheit haben sie wohl ziemlich gut gesorgt, deshalb betont das Büchlein ausdrücklich:

Sveikatà, visus daiktus nuog to Dievo turit,
Kurio prisakymus èia manip regit.
...Sveikatà ir palaimá tasai gal priduoti.
...Aitvars ir deivës to negal padaryti.

Die Gesundheit, alle Dingen von diesem Got habt,
Dessen Weisungen hier bei mir seht.
...Gesundheit und Segen kann dieser zugeben-
...Kobolde und Feen vermögen es nicht tun.

Unter den verschiedenen Freuden und Kummern, Tadeln und Ratschlägen finden wir das Büchlein auch so nachweisend:

"Falls jemand das heilige Gesang singen will,
so soll mich unter seinen Augen haben."

Das ist die im voraus gegebene kurze Einführung in das künftige Gesangbuch, das am Ende des Buches steht. Alles ist in diesem Buch funktionell.

Das erste Buch ist der Anfang des litauischen Schrifttums, der von sich selbst viel Anfänge gebracht hat.

Litauische Sprache, die "jetzt sich äußert", wird als allgemeine Sprache für alle begriffen, dieselbe für Lietuvininkai und Schamaiten. Was wollte eigentlich Maþvydas sagen: "jetzt sich äußert"  - nur jetzt, oder seit jetzt? Die beiden Sinne sind gut und wichtig.

Es entstand das erste litauische Lehrbuch der Glaubenswahrheiten, und noch auch mit den Regeln des christlichen Lebens - "Pflichten" für alle Ränge und Stände, gleichsam ein Moralkodex.

Es entstand die erste Fibel - das Lehrbuch des Lesens der litauischen Schrift, das erste Gesangbuch und das Kennen der Musikschrift - der Noten.

Das erste Gedicht, und auf einmal mit der Schlauheit - Akrostichon sowie mit den ethnographischen Nachrichten über die schlechten Bräuche der Litauer und Schamaiten.

Die ersten Sprüche sind Epigramme, und wogegen - gegen das Faulenzen:

"Söhnchen, lernt eher, seid nicht faul.
Beim Faulenzen das Gut der Eltern nicht vergeudet"

Die ersten Neubilbungen sind die Bestrebung die Fremdwörter zu vermeiden, die Sprache aus ihr selbst zu bereichern (da Maþvydas kein Wort "Buchstabe "/ "Raidë"/ hatte, bildet er eine Ableitung aus dem Verb lesen /skaityti / "skaitytinë", er schafft  die litauischen Termini der Sprachwissenschaft: Vokal, Konsonant).

Das ist die erste Veranlassung sich verantwortlich zu bilden - auch Frauen bilden und Diener - also für alle ohne Ausnahme demokratischen Litauer und Schaamaiten, - und die ersten didaktischen Belehrungen für die Aufklärer.

Die erste Erlaubnis des litauischen Autors seine Arbeit zu verbessern und zu vervollkomnen (wenn es nur nicht die letzte).

Die erste Ansprache des litauischen Schriftstellers an den Kritiker mit der freundlich ausgestrekten Hand, die zur gemeinsamen Arbeit auffordert:

"Deshalb wenn ein Irrtum finden wirst,
So verbessere es ohne jeglicher Neid."

Das erste Buch ist nicht so stark von unseren Zeiten entfernt, wie es aus dem 450.Jahrestag scheinen könnte. Sogar als Lehrbuch der litauischen Sprache wurde es verhältnismäßig vor kurzem benutzt - Jemand bekam in Odessa den Wunsch Litauisch zu lernen und aus dem Regal wurde das unikale Exemplar von Maþvydas geholt...

Es wurde bekannt und kehrte nach Litauen zurück.

So denken wir heute über das Buch nach, aber nicht nur allein über das Buch. Zuallererst über die Menschen. Das Buch ist doch das Denkmal ihrer Tätigkeit, und manchmal der Tätigkeit sogar eines Menschen.

Die pastorale, kulturelle Aufklärungstätigkeit von Martynas Maþvydas vereinigte Vilnius und Königsberg, Groß- und Kleinlitauen. Das ist der teuere Teil des Erbes unseres baltischen Regions, der breiter bekannt werden soll, damit er die Menschen verschiedener Völker bereicherte. Dazu braucht man wieder und wieder zum Buch zurüchzukehren.

Vor zwei Jahrzehnten wurde im Westen veröffentlicht, es sei die Galaktik Guttenberg - d.h. die europäische und die breitere auf den Buchdruck gestützte Zivilisation - geht zu Ende. Es wurde nur Fernsehen bleiben.

So ist es nicht passiert. Wir sehen die alte und die neue Gestalt und Rolle des Buches. Die kleinen Jungen und Burschen unserer Zeit lesen und schreiben auf den Bildschirmen der Computer, blättern die Seiten im Internet über die ganze Welt. Wir nehmen an den Problemen und Veränderungen der Zivilisation teil. Es gibt in dieser Welt Litauen, es gibt das litauische Buch, es gibt sein Vorgänger Maþvydas.

Litauen ist erhalten geblieben deswegen, daß es die litauische Sprache und das litauische Buch gab, daß es Maþvydas gab.

Es ist gut, daß es Maþvydas gab.

Rede des Prof. Vytautas LANDSBERGIS
ein 45-Sekunden-Auszug
Das Programm der Feier


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